08.10.08, 152 km
Am Morgen war es mit 14 Grad noch recht frisch – doch es wurde rasch wärmer. Zudem war der Wind heute wieder auf meiner Seite. Nur einmal kam ein heftiger Windstoss von der Seite. Da musste ich den gesamten 2.5 Meter breiten Grasstreifen neben der Strasse ausnutzen, um das Velo wieder unter Kontrolle zu bringen und nicht in den anschliessenden Graben zu fallen.
Nach 60 km galt es, von der Ruta 11 Abschied zu nehmen, auf der ich die letzten 800 km zurückgelegt habe. Mit dem Rückenwind fuhr ich an meinem Tagesziel – Esperanza – vorbei und steuerte das 60 km weiter liegende Rafaela an.
Bei der Stadteinfahrt holte mich Alberto mit seinem Rennrad ein. Er hat gerade eine 60 km-Runde abgeschlossen und wird am Sonntag ein Rennen über 40 km bestreiten. Als ich wieder weiterfuhr, kamen gleich 2 weitere Radler mit ihren Rennern, die mich ein paar Meter begleiteten. In Rafaela war es nicht ganz einfach, eine Unterkunft zu finden – erst im 4. Hotel war noch ein Zimmer frei.
Langsam aber sicher werde ich auch ein wenig braun. An den Armen ist die Haut nun dunkler als die Haare, so das Letztere nun nicht mehr braun, sondern weiss erscheinen. Und an den Füssen kann man auch nach dem Duschen die Sockenhöhe erkennen…
09.10.08, 92 km
Als ich am Morgen im Hotel nach der Stadtausfahrt fragte, wurde mir abgeraten, nach Süden zu stechen und anschliessend auf der Ruta 19 nach San Francisco zu fahren. Stattdessen solle ich auf der Ruta 70 weiter Richtung Westen fahren und erst auf der Höhe von San Francisco nach Süden abbiegen, denn da habe es viel weniger Verkehr. Obwohl gemäss meiner Karte diese Route nicht durchgehend asphaltiert ist, wurde mir aber das Gegenteil versichert – und das stimmte auch. Bei schönstem Wetter fuhr ich so die meiste Zeit auf ruhiger Strasse.
In San Francisco reparierte ich eine der hinteren Seitentaschen. Vor ein paar Tagen hatte ich einen Riss entdeckt, der wohl mal durch ein Hinunterfallen entstanden ist. Eigentlich ging ich davon aus, dass ich ein entsprechendes Reparatur-Set erworben und mitgenommen habe – finden konnte ich dies aber nicht. So muss nun ein Pneuflick die Wasserundurchlässigkeit sicherstellen…
Beim Suchen stellte ich aber fest, dass in der schwarzen Tasche Tomatensauce ausgelaufen ist. Zum Glück war die Sauerei aber lokal begrenzt und nur wenige Sachen davon betroffen.
10.10.08, 161 km
Heute war es ziemlich dunstig, so dass die Sonne erst am Nachmittag die volle Kraft entwickeln konnte. Getrübt wurde die Sicht aber auch durch den Staub, der vom Wind aufgewirbelt wurde. Dieser kam heute glücklicherweise wieder aus Nordost, während ich praktisch geradeaus in südwestliche Richtung unterwegs war. Schon ein herrliches Gefühl, wenn man mit bis zu 40 km/h durch die Pampa braust…
Sonst war es ein ereignisarmer Tag: weite Felder säumten den Strassenrand, und ich sichtete die ersten Kakteen.
In Villa Maria fragte ich an einer Tankstelle wieder nach einem Hotel – dies ist bis jetzt noch immer eine gute Auskunftstelle gewesen, uns so auch hier. Am Abend suchte ich eine Essgelegenheit, und fand ein kleines Restaurant. Dieses wird von einem Walliser aus Sitten geführt, der ein paar Jahre in Italien wirkte und nun hier lebt. Die Pizza war jedenfalls ausgezeichnet!
11.10.08, 114 km
Den Start zur heutigen Etappe musste ich nach wenigen Metern wieder abbrechen – am Hinterrad musste zuerst ein schleichender Plattfuss repariert werden. Dieser Schaden besorgt mich mehr als jener in Paraguay, da das Loch an der Reifenflanke am Felgenrand ist. So ging es erst mit knapp einer Stunde „Verspätung“ auf die Reise.
In Kürze wird diese Strecke wohl durchgehend einen Super-Belag haben, denn es gibt hier viele Baustellen. Ein Teil ist schon fertiggestellt, wo es sich auch ganz gut rollt. Teilweise gibt es auch einen asphaltierten Seitenstreifen, so dass man als Velofahrer wieder eine eigene Spur hat – und zwischen General Deheza und General Cabrera gibt es sogar einen Radweg!
Nach 80 km stand das Velo das nächste Mal Kopf: wieder ein schleichender Plattfuss am Hinterrad. Es war aber nicht derselbe Grund wie am Morgen, sondern der Flick in Paraguay hatte das Loch nicht komplett abgedeckt (ich hatte am Morgen jenen Schlauch wieder verwendet). Dennoch benutzte ich gleich die Gelegenheit, Vorder- und Hinterreifen zu tauschen. Hoffentlich kann ich so noch ein paar tausend Kilometer mit diesen Reifen zurücklegen…
Nach 95 km kam Gegenwind auf, der immer stärker wurde. Und die sich auftürmenden Wolkenberge verhiessen nichts Gutes – immerhin war es nun nicht mehr so drückend heiss… Aber die mit Reparaturen verlorene Zeit bekam ich jetzt zu spüren!
Es folgte die nächste Baustelle – und die war echt mörderisch! über die unasphaltierte Behelfsspur fegte ein Sandsturm, so dass die Sicht nur wenige Meter betrug – sofern man sich überhaupt getraute, trotz eng anliegender Sonnenbrille die Augen zu öffnen! Nach ein paar hundert Meter in diesem Inferno hielt ein Autofahrer neben mir an und fragte, ob ich mit seinem Pickup mitkommen wolle. Bei diesen Bedingungen nahm ich das Angebot dankend an!
Beide Insassen heissen Daniel und sind Landwirte in Rio Cuarto. Einer von ihnen ist zudem ein guter Freund von Franco Costanzo, dem Torhüter vom FCB, welcher auch aus Rio Cuarto komme.
Die beiden fuhren mich die letzten ca. 15 km in die Stadt direkt zu einem Hotel. Unterwegs bekamen sie per Telefon noch Bericht, dass es ein wenig nördlich derzeit hagelt – da hätte ich auch noch hineingeraten können…
Unter der Dusche kam auch wieder das Gesicht zum Vorschein, welches im Sturm im Dreck verschwand…
12.10.08, 0 km
Gestern Nacht war wohl das erste Mal in meinem Leben, wo ich ganz ohne Decke geschlafen habe – sonst war immer mindestens ein Körperteil bedeckt, auch wenn es nur ein Fuss war. Aber die Wärme hier ist unglaublich! Um 05.00 Uhr wachte ich auf und konnte nicht mehr einschlafen. Deshalb ging ich eine Stunde später an den Hotel-Computer und aktualisierte meine Homepage.
Nach dem Frühstück legte ich mich wieder ins Bett, schaute fern, schlief und las, was ich da in den letzten Wochen so alles geschrieben habe. Zum Glück halte ich die wichtigsten Ereignisse schriftlich fest, denn ich hatte einige „Ach ja, das war ja auch noch“-Erlebnisse…
Für die lokalen Landwirte war heute wohl ein Freudentag, denn bis Mittag regnete es.
Rio Cuarto, 12.10.2008
Gesamtkilometer: 3540


















