13.10.08, 100 km
Eigentlich hätte ich heute gar nicht auf die Strasse dürfen. Gestern begann das linke Auge zu schmerzen – Der Sandsturm am Samstag ging da wohl ein wenig ins Auge… Trotz grübeln brachte ich die Krümel aber nicht hinaus – so salbte und tröpfelte ich das Auge den ganzen Nachmittag und die Nacht hindurch. Trotzdem brachte ich das Auge am Morgen aber nicht auf. Und wenn man das linke Auge nicht aufkriegt, hat auch das Rechte auch seine liebe Mühe…
Mit den Linsen versuchte ich es schon gar nicht, so das ich mit Brille startete. Und kaum war ich ein paar Meter gefahren, begann es zu nieseln – das war also die 20 %-ige Regenwahrscheinlichkeit… So fuhr ich bald auch ohne Brille – und sah wenigstens zwischendurch ein paar Meter weit. Viel zu sehen gab es sowieso nicht, da die Landschaft in Nebel gehüllt war.
Nach 30 km hörte das Nieseln auf und alles trocknete ab – doch wenig später wurde es nochmals vorübergehend nass. Als ich gegen 11.00 Uhr einen Essenshalt machte, gab es eine erfreuliche Nachricht: Die Augen liessen sich komplett öffnen! Beim Weiterfahren gelang das zwar nur noch selten, doch ich spürte, dass nun aller Dreck wieder aus dem Auge rausgespült war!
Nach 70 km plauderte ich mit Hernan Ferrario, der sich als Landwirt über den Regen sehr freute. Er konnte mir bestätigen, dass es in Vicuña Mackenna Hotels gibt. So machte ich mich auf die letzten Kilometer, wobei nun zwar der Nebel weg war, ich dafür stärker mit dem Wind kämpfen musste.
Verkehr hatte es heute nicht viel, was wohl auf den Feiertag zurückzuführen ist. Jährlich am 12. Oktober wird der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus und an die eigenen Wurzeln gedacht. Da dies im 2008 auf einen Sonntag gefallen wäre, wurde der Feiertag um einen Tag verschoben.
In Vicuña Mackenna stand ich genau nach 100.00 km vor einem Hotel und ging nach dem einchecken noch ins gegenüberliegende Restaurant, bevor ich mein Auge wieder pflegte.
14.10.08, 108 km
Die intensive Augenpflege der letzten Tage hat gewirkt: Am Morgen war das linke Auge noch ein bisschen lichtempfindlich, doch ich konnte es immerhin komplett öffnen. Linsen habe ich heute wieder getragen, aber nur auf dem rechten Auge. Ab Mittag verhielt sich das linke Auge absolut schmerzfrei, und als ich nach Absolvierung des heutigen Tagesprogramms wieder die Brille trug, war die Sicht bestens. Hoffentlich gerate ich nicht nochmals in einen solchen Sandsturm…
Als ich am Morgen begann, das Velo zu beladen, setzte wieder Regen ein. So fuhr ich mit Regenjacke und -hose los, denn es war deutlich kühler als noch in den vergangenen Tagen. Nach wenigen Kilometern hörte der Regen zwar auf, aber die Regenbekleidung zog ich erst um 11.00 Uhr aus, als es endlich wärmer wurde.
Den ganzen Vormittag konnte ich aber eine faszinierende Stimmung beobachten, da die Sonne manchmal durchdrückte und die Kornfelder einen eindrücklichen Kontrast zum wolkenverhangenen Himmel bildeten.
Hin und wieder gab es heute wieder mal ein paar Kuppen, wobei die Landschaft immer noch als absolut eben bezeichnet werden kann. Wie in den letzten Tagen drehte der Wind ab Mittag wieder auf, wobei es sich natürlich um Gegenwind handelte… Mittlerweile haben sich aber ein bisschen Muskeln in den Oberschenkel entwickelt, so dass ich kräftig in die Pedale treten konnte und immer noch mit 17 – 18 km/h vorwärts kam. Hätten zu Beginn dieser Tour solche Bedingungen geherrscht, wäre ich wohl mit knapp 10 km/h herumgeschlichen!
In Huinca Renancó traf ich Carlos auf seinem Rennrad, der am Wochenende manchmal Rennen fährt. So fuhren wir plaudernd durchs Dorf, und er führte mich direkt zu einem Hotel. Hier „muss“ ich das Badezimmer mit dem Zimmer nebenan teilen – sofern dieses belegt wird.
15.10.08, 122 km
Montevideo war bis dato der südlichste Ort, an dem ich mich aufgehalten habe. Heute, genau 6 Wochen nachdem ich Uruguays Hauptstadt verlassen habe, habe ich diese Marke „unterschritten“. Jeden Meter, den ich seit heute Vormittag zurücklege, stellt eine neue persönliche südliche Bestmarke dar.
Dabei ging es heute auf direktem Weg Richtung Süden: Auf der Karte wurde die Strasse schnurgerade eingezeichnet, und in Realität hatte es auf den ersten 25 km gerade mal 3 Doppelkurven – genau so viele wie auf der restlichen Distanz! Die Landschaft ist zudem nicht mehr komplett topfeben: Auf den 40 km zwischen Basel und Chalampé dem Rhein entlang sind aber immer noch mehr Höhenmeter zu bewältigen als hier auf 120 km…
Tagesziel war eigentlich Arata nach ca. 100 km, welches gemäss Karte direkt an der Ruta 35 liegt. Dort befand sich aber nur ein Kreisel mit Tankstelle und Comedor. Rechts gings nach Arata (12 km), links nach Tenel (14 km). Als ich beim Essen im Comedor nach Unterkunftsmöglichkeiten fragte, hatte ich 2 Möglichkeiten: Entweder nach Tenel fahren und morgen den ganzen Weg wieder zurück, oder weiter nach Süden auf der Ruta 35, wo sich in 27 km Entfernung Eduardo Castex befinden würde. Dieser Ort war auf meiner Karte gar nicht eingezeichnet…
So fuhr ich weiter Richtung Süden, wobei ich einen unglaublichen Druck auf die Pedale geben konnte. Ich weiss nicht, wie viele Watt ich dabei erzeugte, doch hätte ich während diesen ca. 70 Minuten sicher einige Glühbirnen zum Leuchten bringen können!
In Eduardo Castex sah ich noch ein Schild, dass es einen „Parque Jurassico“ im Ort geben würde. Nach dem Einchecken im Hotel lief ich die paar hundert Meter zu diesem Park, wo Dinosaurier aus Beton modelliert wurden. Ein paar Exemplare sind zwar am zerfallen, doch die neueren Werke sind auch bemalt und machen einen realistischen Eindruck.
Erfreulicherweise liess sich auch der mp3-Player wiederbeleben. Am Sonntag habe ich diesen wieder aufgeladen, worauf er keinen Wank mehr machte. Erst gestern Abend kam wieder die Meldung, dass die Batterie leer sei, worauf ich diese wieder aufgeladen habe. Nun funktioniert der Player jedenfalls wieder einwandfrei – keine Ahnung, was der für ein Problem hatte…
16.10.08, 79 km
Nach den vielen Wolken in den letzten Tagen und dem Regenschauer gestern Abend zierte heute Morgen kein einziges Wölkchen den Himmel. Mit dem Sonnenschein war es auch gleich angenehm war. Weniger Freude an diesem Zustand hatten meine Augen, die derzeit noch ein wenig lichtempfindlich sind und ich dadurch nicht scharf sehen kann – weder mit Brille noch mit Linsen. Aber auch das wird einmal vorbei sein…
Der Wind pustete heute manchmal sogar von hinten. Dafür führte das zum ekligen Gefühl, dass das schweissnasse Hemd am Rücken klebt…
Nach 1600 km Fahrt durch die Ebene Argentiniens kamen heute nach 40 km wieder mal Hügel – und das Gefälle auf den bergab-Passagen war steil genug, dass ich erstmals diesen Monat ein paar Meter ohne Treten zurücklegen konnte! Wie gestern ging die Strasse aber praktisch geradeaus, so dass es horizontal mehr Richtungsänderungen gab als vertikal…
Kurz nach 12 Uhr erreichte ich Santa Rosa und checkte im Hotel ein, welches direkt an der Strasse liegt. Dabei verblüffte ich das Personal, dass ich die knapp 80 km in 4 Stunden zurückgelegt habe – wobei ich unterwegs noch ein 20minütige Pause eingelegt hatte…
Nach dem Duschen lief ich zum Parilla gegenüber, um etwas zu Mittag zu essen. Das Handy war auch dabei und ausnahmsweise mal eingeschaltet – und schon bimmelte es in der Hosentasche! Und so hatte ich eine wohlvertraute Stimme am Ohr, die ich schon viel zu lange nicht mehr gehört hatte… Dieser Anruf schien auch meinen Augen gut zu tun, denn danach konnte ich wieder viel besser sehen…
Santa Rosa, 16.10.2008
Gesamtkilometer: 3948


















