17.10.08, 162 km
Vor dem Start pumpte ich noch die Reifen auf – so wurde es zusammen mit dem Rückenwind eine rasche Fahrt! Bei Sonnenschein, blauem Himmel und immer besserer Sicht ging es durch die wunderschöne Landschaft. Ob mir die Hügel allerdings bei Gegenwind auch so gefallen hätten, ist eine andere Frage… Zwischen den Hügeln gab es manchmal auch eine Lagune. So wird hier ein See ohne Abfluss bezeichnet. Hübsch anzusehen waren auch die knochentrockenen Bäume und Sträucher, die auf weitem Grasland stehen. Jedenfalls war oft auch ein Schild zu sehen, dass Feuer entfachen verboten ist.
Von der Ruta 35 bog ich auf die 154 ab, wobei der an diesem Knoten auf der Karte angegebene Ort fehlte… So fuhr ich noch ein paar Kilometer weiter und schlug hinter ein paar trockenen Sträuchern mein Zelt auf. Danach war Velopflege angesagt: Die Hinterradspeichen sind etwas locker, und unterwegs knirschte es heute auch einmal. So zog ich alle Speichen ein wenig nach – doch eine Speiche wollte einfach nicht satt werden. Mit Schrecken musste ich feststellen, dass an der Nabe der Flansch abgebrochen war und die Speiche deshalb keinen Halt mehr hat. Das war wohl das heutige Knirschen… Als ich das angebrochene Teil anfasste, hatte ich es auch gleich vollständig in der Hand – und so musste ich 2 Speichen ausbauen. Mal sehen, ob ich das irgendwo reparieren lassen kann!
Das Geschiebe durchs Gestrüpp benutzte der Panaracer-Reifen gleich auch, um mit dem nächsten Platten auf sich aufmerksam zu machen. Das ist wohl der letzte Reifen dieser Marke, der an meinem Velo ist – am Hinterrad habe ich ja einen Schwalbe Marathon, so wie auch die zwei Ersatzreifen.
18.10.08, 116 km
Nach dem Zeltabbau leerte ich den Wassersack. Für die Nacht hatte ich schon 1.5 Liter davon benötigt, und die restliche Menge reichte gerade, um die 3 Wasserflaschen à 1.5 Liter zu füllen. Dieses Wasser hatte ich seit den Iguazú-Wasserfällen als Reserve dabei. Danach trug ich Gepäck und Fahrrad zur Strasse – ich wollte nicht schon wieder einen Platten riskieren…
Die ersten Meter lauschte und fühlte ich gespannt, wie sich das Hinterrad verhält – und es scheint zu funktionieren. Dann ging die Post ab: Nach ein paar Kilometer mit leichtem Gefälle kam eine sanfte Steigung, die mit dem Rückenwind rasch bewältigt war. Danach ging es wie auf riesigen Treppenstufen bergab, wobei der Schwung aus dem Steilen immer weit ins Flache hinein reichte. So hatte ich die ersten 20 km bereits nach sagenhaften 36 Minuten Fahrzeit zurückgelegt! Danach war infolge längeren Steigungen das Tempo nicht mehr ganz so hoch, doch der Schnitt lag insgesamt über 25 km/h! Für die Tour de France reicht das aber noch lange nicht…
Als ich nach 2 Stunden den Essenshalt einlegte, wollte ich mich wie immer neben das Velo auf den Boden setzen – doch da war ich rasch wieder auf den Beinen! Der ganze Boden war mit kleinen, spitzen Stachelbällchen bedeckt, die alles durchdrangen und an allem hängen blieben. So befreite ich zuerst Hand und Hosenboden von diesen schmerzhaften Dingern, und als ich das Fahrrad wieder auf die Strasse geschoben hatte, während mehrerer Minuten auch die Reifen. Das hätte sonst wohl eine üble Pannenserie gegeben…
Die Landschaft war mit dem Gras- und Buschland wenig abwechslungsreich – aber plötzlich stand da auf einem der Distanzschilder „Ushuaia 2190 km“! Das macht schon fast ein bisschen Angst, dass das Ende der Welt (oder wenigstens der Strassen) schon so Nahe ist…
In Río Colorado musste ich zum ersten Mal seit langem wieder mal eine Strassenkontrolle passieren. Der Polizist konnte mir auch gleich sagen, wo ich eine Unterkunft finden kann. Da das Zimmer noch nicht bereit war, habe ich zuerst im Restaurant etwas gegessen. Milanesa Napolitana entwickelt sich in Argentinien langsam zu meinem Lieblingsessen: paniertes Schnitzel belegt mit Schinken, Käse und Tomatensauce – Wie eine Pizza mit Teigersatz…. Dazu nahm ich noch einen gemischten Salat – Beilagen werden in Argentinien separat auf der Speisekarte aufgeführt. So kann man sich das Menu selbst zusammenstellen.
Die ganze Distanz habe ich bis jetzt mit dem gleichen Paar Socken zurückgelegt. Offenbar hatten diese aber wenig Freude daran, dass ich sie in Santa Rosa nach dem Waschen mit dem Fön trocknete – sie fühlen sich nun ziemlich hart an. So ist nun wohl ein Sockenwechsel vonnöten…
Am Abend sah ich dan noch in den Nachrichten, dass in der kommenden Nacht auf Sommerzeit umgestellt wird – aber nur in einem Teil der Provinzen. Alle Provinzen im Süden stellen die Zeit nicht um – und diese Region habe ich gerade heute erreicht. Wie ist das mit den Grenzübertritten nach Chile? Werden 2 Stunden Zeitdifferenz bestehen? Und lustig wird es auch später Richtung Norden, wenn von einer Provinz zur anderen die Uhr neu zu richten ist…
19.10.08, 146 km
Als ich am Morgen zum Velo kam, war der Vorderreifen wieder platt. Da ich das ständige reparieren langsam satt habe, montierte ich nicht nur einen neuen Schlauch, sondern auch einen der Ersatzreifen. Hoffentlich habe ich da nun wieder ein paar tausend Kilometer Ruhe…
Auf der Ruta 22 gings 30 km nach Westen, bis ich wieder nach Süden abbiegen konnte. Dabei hatte es nicht nur viel Verkehr, sondern auch Gegenwind. Beides vermisste ich die letzten Tage überhaupt nicht… Mit dem Rückenwind ist es nun aber wohl für längere Zeit vorbei: laut den Berichten weht in Patagonien der Wind vorzugsweise aus Südwesten, woher er auch heute kam. Allerdings muss ich davon ausgehen, dass er mir noch heftiger ins Gesicht blasen wird.
Die Landschaft war heute ziemlich eintönig. Links und rechts der Strasse gab es einen Streifen, wo überhaupt nichts wächst, daneben ist der Boden von Zwergbüschen überwuchert, die nur selten höher als 40 cm sind. Mit dem trockenen Wind war aber wie in den letzten Tagen durstiges Wetter.
Nach einer Velopflege in General Conesa fuhr ich ohne Gepäck zur etwa 1 km entfernten Tankstelle, um mich mit etwas Essen einzudecken. So ganz ohne Gewicht war das eine ganz ungewohnte und wacklige Sache…
20.10.08, 104 km
Nach einem reichhaltigen Frühstück gings wieder hinaus in den Gegenwind. Auf einer Skala von 1 bis 10 erreichte dieser auf den ersten 40 Kilometern einen Wert von bis zu 4. Danach flachte der Wind etwas ab, und als ich mich um 11.00 Uhr neben das Velo auf den Boden setzte, war es beinahe windstill. Und plötzlich zeigte die Flagge Rückenwindverhältnisse an! So ging es eine Weile mit hohem Tempo voran…
Wie gestern war die Landschaft braun und öde, nur manchmal mit grünen und gelben Farbtupfern aufgefrischt. Nach 75 km war eine weitere Kuppe zu erklimmen – und oben angekommen, konnte ich aufs Meer hinuntersehen. Damit war es aber vorbei mit dem Rückenwind, womit ich mich auch zu früh auf die Abfahrt gefreut hatte – der Wind hatte nun zum Teil Stärke 5 drauf.
Nach einem verwirrenden Kurvengeschlängel erreichte ich den Strandort Las Grutas, wo ich ein Hotel direkt am Meer aufsuchte.
Mein Velocomputer zeigt auch die Höhenmeter an, wobei ich die Anzeige seit Montevideo jeden Morgen auf 0 stellte und abends die aktuelle Höhe berechnete. Mit diesem Verfahren müsste jetzt eine imposante, über 1000 Meter hohe Klippe zum Meer hinab vor mir sein… In Zukunft lasse ich den Velocomputer selbst die Höhe feststellen – vielleicht führt dies zu geringeren Abweichungen…
21.10.08, 28 km
Am Morgen ging es etwas später los als die letzten Wochen. Da konnte ich jeweils spätestens um 07.00 Uhr mit dem Frühstück beginnen. Heute war dies erst um 08.00 Uhr möglich. So belud ich das Velo vor dem Morgenessen und startete um 08.30 Uhr, etwa eine halbe Stunde später als sonst.
Den Ort konnte ich geradeaus nach Westen Richtung Ruta 3 verlassen, wobei ich wegen dem starken Wind aus Süden nicht allzu schnell vorwärts kam. Nach etwas mehr als 7 km erreichte ich die Ruta 3, auf der ich bis nach Ushuaia südwärts fahren will. Da waren die ganz kleinen Gänge angesagt, da mir der Wind mit Stärke 8 (9 und 10 will ich noch nicht benutzen…) entgegenwehte! Da war rasch klar, dass ich das knapp 130 km entfernte Sierra Grande heute nicht werde erreichen können, sofern dieser Sturm nicht nachlässt. Und wie ich da das Zelt erfolgreich aufstellen kann, war mich auch noch ein Rätsel…
Nach eindreiviertel Stunden hartem Kampf auf knapp 15 Kilometern hielt ein Lastwagen, und Dario bot mir an, dass ich mit ihm mitfahren könne. So verstauten wir das Gepäck in der Kabine und zurrten das Fahrrad am Aufleger direkt hinter der Kabine fest. Dario kommt aus Santa Fe und fährt als selbständig Erwerbender (wobei er den Lastwagen von seinem „Arbeitgeber“ gemietet hat) mit seiner Fracht bis nach Comodore Rivadavia runter, macht dort noch ein paar Fuhren, und fährt abschliessend via Córdoba wieder nach Hause zurück.
Ich fuhr mit ihm ca. 250 km bis Puerto Madryn mit, wobei das landschaftlich einzig interessante die Berge um Sierra Grande herum waren. Der Wind liess aber den ganzen Tag nicht nach, so dass wir grösste Mühe hatten, das Fahrrad wieder zu beladen. Der Wind wehte nun aber mehr aus Westen, so dass ich nun beängstigenden Rückenwind auf der Abfahrt Richtung Puerto Madryn hatte. Diese am Meer gelegene Stadt war auf der Abfahrt kaum zu sehen, da der Wind so viel Staub aufwirbelte. Als ich deshalb unten auf der Kreuzung ankam, wusste ich nicht, ob ich nach links oder rechts fahren soll. Nachdem ich ein wenig den Verkehr beobachtet hatte, entschied ich mich für links – und wendete nach 2 km, um doch noch in die Stadt zu kommen… Dort fand ich einen Platz im 3. Hotel und buchte für morgen einen Ausflug. Nun werde ich wieder mal so richtig als Tourist unterwegs sein…
22.10.08, 0 km
Beim Buchen der Tour gestern Abend war schon klar, dass es nicht auf die Península Valdés gehen wird – der Wind weht zu stark. Deshalb ging der Tagesausflug nach Süden zum Punta Tombo. Dort brüten die Magellan-Pinguine, und die „lauern“ dort fast unter jedem Strauch, wo sie sich in kleinen Mulden vor dem alles bestimmenden Wind schützen.
Nach der zweistündigen Wanderung und Pinguinsichtung gings weiter nach Gaiman, einer walisischen Stadt. Siedler aus Wales haben diese Region als erste Europäer bewohnt, und die Häuser sehen wirklich völlig anders aus als sonst in Südamerika.
Die Reisegruppe mit 14 Personen wurde geleitet von Katie, und den Bus steuerte Chicito, welcher uns weiter nach Trelew fuhr. Dort besuchte ich mit einem Teil der Gruppe das Paläontologische Museum. In Patagonien wurden einige frühzeitliche Lebewesen und Dinosaurier ausgegraben, welche im Museum nach Zeitabschnitten unterteilt ausgestellt werden. Ob Ben Stiller da auch Nachtwache schiebt…? Schlussendlich gings zurück nach Puerto Madryn, und ich konnte nochmals Strecke und Stadtausfahrt studieren, damit ich für Freitag gerüstet bin…
23.10.08, 0 km
Der Wind hat etwas nachgelassen, so dass es heute auf die Península Valdés gehen konnte. Im Bus waren wir 18 Touristen, welche von Rita und Hector angeführt wurden. Nach einem kurzen Stopp om Besucherzentrum gings weiter zum Punta Cator, wo wir Seeelefanten beobachten konnten, die am Strand lagen. Schon auf der Fahrt dorthin konnten wir aber auch schon verschiedene Landtiere beobachten, so z.B. ein Guanaco, Marras oder Laufvögel.
Vom Punta Cator fuhren wir nach Pirámides, wo wir ins Boot umstiegen und auf „Waljagd“ gingen. Aus etwa 100 Meter Entfernung konnten wir beobachten, wie ein Wal hochstieg und sich eindrücklich auf den Rücken fallen liess. Danach war es eine Weile ruhig, bis plötzlich ein anderer Wal direkt neben dem Boot auftauchte. Das Teleobjektiv war nicht mehr nötig… Der Wal war so nahe, dass einmal sogar die Schwanzflosse am Bug anschlug!
Nach einer weiteren Ruhephase fuhren wir weiter und erlebten den Höhepunkt der Tour! Ein Wal stieg dreimal unmittelbar neben dem Boot hoch, wobei er uns beim ersten Mal alle nass spritzte! Zwischendurch zeigte er auch seine Schwanzflosse – einfach herrlich anzusehen! Bootsführer und auch Rita erklärten uns, dass es sehr selten sei, dass ein Wal so oft aus dem Wasser steige – und dass dies praktisch nie so nahe an einem Boot geschieht. Die Wale mussten wohl noch etwas Energie abbauen, denn am Morgen sollen sie sich kaum gezeigt haben…
Nach der Tour musste ich feststellen, dass mein erster Reparaturversuch am Hinterrad scheiterte. Im Carrefour hatte ich am Dienstag Zweikomponenten-Kleber entdeckt, welcher alles zusammenhalten könne. Gestern Abend habe ich das abgebrochene Teil festgeklebt und die empfohlenen 24 Stunden trocknen lassen. Das Teil hielt zwar ziemlich fest, doch als ich die erste Speiche anziehen wollte, konnte der Kleber nicht widerstehen… Danach musste ich mich noch um das Schutzblech am Vorderrad kümmern: Beim Transport auf dem Lastwagen am Dienstag brach die Halterung ab. Mal schauen, wie lange das Provisorium mit Schnur und Heftpflaster halten wird…
Puerto Madryn, 23.10.2008
Gesamtkilometer: 4503


















