Also auch mit 20 Jahren in Gebrauch sowie den vorgenommenen Reparaturen in Douglas kann ich sagen: Mein Zelt ist immer noch regentauglich! Jedenfalls habe ich die ganze Nacht im Trockenen verbracht. der Regen hat vor 2 Uhr morgens aufgehört, und beim Zusammenpacken war das Zelt schon fast wieder komplett trocken. Der Wind hatte sich in der Nacht auch gelegt, aber um Punkt 6 Uhr wehte er wieder über den Campingplatz.
Kurz vor 7 Uhr fuhr ich los, nachdem ich Fränzi und Sam noch „Tschüss“ gesagt habe – aus ihrem Zelt kam keine Reaktion, weshalb ich davon ausgehe, dass sie noch tief und fest schliefen… Ich kannte ihr heutiges Tagesziel nicht, und unterwegs haben sie mich auch nicht überholt. Aber wer weiss, vielleicht sehen wir uns ja morgen plötzlich wieder.
Trotz heftigem Gegenwind und etlichen Höhenmetern kam ich mit einer ordentlichen Geschwindigkeit voran und erreichte Turriff kurz vor 8 Uhr. Dort sah ich jedoch eine Regenwand auf mich zukommen, und der bereits auf der schwarzen Packtasche bereitliegende Regenschutz war schnell angezogen. Nach 15 Minuten war dieser Schauer vorbei, und ich konnte den Regenschutz wieder hinten auf das Gepäck schnallen. Wenig später gab es nochmals „liquid sun“ – nun aber so heftig, dass ich auch Regenhose und Schuhlinge anzog. Als diese Phase abklang, sah ich weitere dunkle Wolken am Horizont und trug die Regenkleider ein paar Minuten länger als unbedingt notwendig. Die dunklen Wolken zogen ohne Regenguss vorbei, und nun wurde es ein bisschen ungemütlich, die schön warm gebenden Kleider wieder auszuziehen… Immerhin konnten sie den Rest des Tages auf dem Gepäck angebunden bleiben, und ab Banff konnte ich auch das Solarpanel drüberspannen.
Während die Strecke nach Turriff und ab Banff westwärts verlief, verband sie diese beide Orte nordwärts. Deshalb hatte ich auf diesem Abschnitt auch mehrheitlich Seitenwind.
Banff erreichte ich kurz vor 10 Uhr, und beim Tesco setzte ich mich windgeschützt hinter eine Steinmauer und studierte die Campingoptionen, die ich gestern morgen herausgesucht hatte. Aufgrund der Distanz entschied ich mich für jenen in Elgin und kontaktierte die Betreiber, damit ich heute Nacht einen Platz habe. Danach noch zum Einkaufen in den Tesco, weiter nach Norden durch die Stadt fahren, nach weniger als einem Kilometer an der Küste um die Ecke biegen – und da hat es mich fast rückwärts geschoben! Der Wind wehte mir so heftig von vorne ins Gesicht, dass ich nur mit grosser Kraftanstrengung vorwärts kam. Ich wusste, dass die Strecke nun mehrheitlich der Küste entlang führt – werde ich es bei diesen Verhältnissen wirklich bis Elgin schaffen?
Nun, die ersten Kilometer waren wirklich harzig. Tief über den Lenker gebeugt, galt es, dem Wind zu trotzen und kräftig in die Pedale zu treten. So erreichte ich das 13 Kilometer weiter entfernte Portsoy um 11.45 Uhr und legte in einem kleinen Park meine Mittagspause ein. Dabei habe ich auch mein Badetuch getrocknet: An den Lenker hängen und im Wind wehen lassen… Gestern Abend kam der Regen kurz nach dem Duschen, so dass da ein Trocknen nicht mehr möglich war.
Auch nach dem Mittagessen gab es Gegenwind, aber entweder hatte ich mich daran gewöhnt, oder er wehte nicht mehr ganz so stark wie zu Beginn ab Banff. Jedenfalls konnte ich die spektakuläre Szenerie nun noch viel mehr geniessen: Schroffe Felsen und steile Klippen entlang der Küste, wild aufbauschende Wellen, niedliche Städtchen in jeder Bucht, malerische Lichtverhältnisse – einfach ein Traum!
So fuhr ich mal mehr oder weniger der Küste entlang, manchmal auf normalen Strassen, manchmal auf stillgelegten Bahnstrecken, meist flach und ohne steile Anstiege. Vor dem River Spey war dann angegeben, dass es noch 10 Kilometer bis Elgin sind – und wenige Meter später stand eine Tafel, dass der Radweg weiter vorne geschlossen sei. Und tatsächlich: Die Brücke – bzw. das Viadukt – über den River Spey war zugesperrt. Umleitung war keine signalisiert, also musste ich selbst einen Weg suchen. Die nächste Brücke ist einige Kilometer südlicher, also dorthin und auf dem Radweg entlang einer stark befahrenen Strasse zum Etappenziel gelangen. So kamen nochmals 5 Kilometer zum Tagespensum hinzu.
Nachdem ich das Zelt aufgestellt und geduscht hatte, ging es an die weitere Routenplanung. Heute Nacht soll es ja wieder regnen, und das bis in den Morgen hinein. Zudem gibt es für die Weiterfahrt zwei Varianten: Entweder der Eurovelo-Route folgen und südlich an Inverness vorbeifahren, oder Inverness anpeilen und danach via Loch Ness weiterfahren. Die Distanz ist bei beiden Varianten etwa identisch, Entlang von Loch Ness und weiteren Seen gibt es aber nicht nur weniger Höhenmeter, sondern auch mehr Übernachtungs- und Verpflegungsoptionen. Daher habe ich mich für Inverness entschieden.
Ohne Wind, aber auch ohne Sonne, wurde es am Abend rasch kühl. Mein Kopf liess es (noch) nicht zu, mitten im Sommer warme Sachen aus den Taschen hervorzukramen. Deshalb kroch ich bald ins Zelt und schrieb dort die Memoiren zum heutigen Tag.
