Kann ich die Socken über meine geschundenen Füsse streifen? Ja, ich kann! – Kann ich die Fahrradschuhe anziehen? Ja, ich kann! Kann ich aufstehen und auf den Füssen stehen? Ja, ich kann! – Kann ich laufen? Ja, ich kann! Die gestern Abend vorgenommene Bandagierung wirkt!
Von der gestrigen Anfahrt wusste ich, dass es vom Campingplatz aus zuerst wieder bergauf geht, und ich konnte praktisch schmerzfrei in die Pedale treten. Nur aus dem Sattel gehen und so mehr Druck erzeugen, das geht nicht. Aber die Situation stimmte mich zuversichtlich, dass ich das für heute verkürzte Etappenziel in Keswick erreichen werde.
Erstes Ziel war Gsoforth in knapp 10 Kilometer Entfernung, denn dort befindet sich gemäss Organic Maps ein Supermarkt. Die Fassade war noch da, es stand aber ein Gerüst drum herum – der Laden ist geschlossen! Meine Essenstasche ist „leer“ (ich habe noch diverse Notvorräte), hätte also doch auf halbem Weg beim kleinen Tankstellen-Spar mein Glück versuchen sollen! Ich erweiterte daher meine Route über Egremont. Das gibt bei dieser kurzen Etappe zwar ein paar wenige Kilometer mehr, erspart mir gegenüber der Originalstrecke aber auch einige Höhenmeter. In Egremont sind zwei Supermärkte eingezeichnet, also sollte doch mindestens einer offen haben!
Egremont erschien mir ein wenig schäbig, der Co-op hatte aber geöffnet. Nach dem Einkauf ass ich gleich davor ein Sandwich. Da kam einer vorbei, der letztes Jahr mit dem Mountainbike den Mont Blanc umrundet hat. Dabei zeigte er mir Bilder, wie er sich mit dem Bike durch Gletschereis kämpfte – an dem Tag schafften sie gerade mal 5 Kilometer…
Das Gespräch lohnte sich sehr, denn er machte mich auf einen Fahrradweg aufmerksam, welcher den Ort auf einer stillgelegten Bahnstrecke verlässt – und direkt in die von mir gewünschte Richtung führt. So konnte ich sanft bergauf fahren, ohne dass ich die gewonnene Höhe immer wieder auf Zwischenabfahrten wieder verlor. Der erste Teil war sogar erst kürzlich geteert worden, so dass ich verhältnismässig rasch vorwärts kam. Der zweite Teil war auf Schotter, der auch gut fahrbar war.
Auf dieser Strecke erreichte ich den Coast-to-Coast-Fahrradweg (C2C), welcher quer durch England von Küste zu Küste angelegt wurde. Da auch Keswick mal auf den Distanzangaben zu lesen war (25 Meilen) folgte ich diesem Radweg weiter, der zudem auf meine Originalroute einbog. Hier überholte ich mehrmals zwei junge Frauen aus Schottland, die mit ihren deutlich leichter bepackten Fahrrädern auf einer Wochenendtour dem C2C folgen. Als der Whinlatter Pass kam – zum Glück nicht so steil wie die gestrigen Pässe und somit trotz vermindertem Druck auf den Pedalen fahrbar – habe ich sie allerdings aus den Augen verloren.
Nach der Abfahrt machte der Radweg noch eine Zusatzschlaufe, um auf einer Nebenstrasse im Touristenmagnet Keswick anzukommen. Dort steuerte ich sogleich die Apotheke an, doch die verwiesen mich an das örtliche Spital und wollten mir nichts verkaufen. Also ab ins Spital, und dort kam ich nach den Anmeldeformalitäten auch rasch dran. Die Ärztin hat so grosse Blasen an den Füssen auch schon mal gesehen, aber das war von einer Mehrtageswanderung mit nassen Schuhen… Sie war aber sehr zufrieden, dass die Wunden trocken sind und ich praktisch keine Schmerzen habe (meine Zuckungen während der Behandlung war wegen dem Kitzeln). Sie klebte grosse Pflaster drauf und ich erhielt eine Packung, damit ich den Schutz täglich nach dem Duschen wechseln kann.
Nach einem letzten Einkauf beim örtlichen Co-op ging es auf den Campingplatz – und da habe ich einen fantastischen Platz am Schatten mit Blick auf den See (Derwent Water) erhalten. Nach Zeltaufbau und vorsichtigem Duschen (ich wollte das Pflaster nicht bereits nach einer knappen Stunde wechseln müssen!) mit Wäsche waschen genoss ich die Aussicht und plante die morgige Etappe. Auch morgen wird es wieder etliche Höhenmeter geben, indem ich zuerst weiter dem Radweg Nr. 7 (C2C) in Richtung Osten folge und später zur Nr. 68 in Richtung Norden abbiegen werde.
Noch was zum Wetter: Am Morgen war es wie gestern, indem die Sonne erst gegen 09.30 Uhr die Bewölkung zu durchbrechen vermochte. Allerdings verdichteten sich heute um die Mittagszeigt die Wolken wieder, so dass es während der Fahrt nicht zu heiss wurde. Auf dem Campingplatz wechselten sich Sonne und Wolken ab, erst gegen Abend vermochte sich die Sonne wieder endgülting durchzusetzen – das Solarpanel vermochte trotzdem, meine Powerbanks vollständig zu laden.
