Am Morgen unterhalte ich mich noch eine Weile mit dem Leiter der JH. Er wird nachmittags nach Paris in die Ferien fliegen, sein Bruder die JH übernehmen. Leider will der Nieselregen, der mich nicht gerade für eine Weiterfahrt motiviert, nicht aufhören. Da die Jugendherberge für heute Abend aber bereits ausgebucht ist, ziehe ich dann halt doch noch die Pelerine an und mache mich auf den Weg Richtung Schweden.
Der Grenzübergang war dann nichts besonderes. Auf der norwegischen wie auch auf der schwedischen Seite stand jeweils ein kleiner Lebensmittelladen. Ob da die Leute jeweils in Ausland shoppen gehen? Eine Zollstation gab es dann jedenfalls nicht. Einzig die Farbe der Schilder änderte: In Schweden haben diese nicht mehr einen weissen Hintergrund, sondern einen gelben. Und die Elche sehen auf den schwedischen Schildern auch ein bisschen anders aus als auf den norwegischen. Ob in der freien Wildbahn auch der schwedische vom norwegischen Elch unterschieden werden kann?
Keine 10 Kilometer nach der Grenze gab es dann unvermittelt einen Knall – der hintere Reifen ist geplatzt! Ich fahre rechts raus in eine kleine Zufahrt und nehme zuerst mal ein vorgezogenes Mittagessen zu mir. Immerhin hat zum selben Zeitpunkt der Regen aufgehört…
Ich habe an diesem Fahrrad noch nie das Hinterrad ausgebaut – und vorher hatte ich noch nie ein Rad mit Nabenschaltung gefahren. Was kommt alles mit, wenn ich die Schrauben löse? Bringe ich dann das Hinterrad dann auch wieder in die richtige Position? Solchen Fragen quälten mich, als ich die Gepäckstaschen demontierte. Ich schaltete dann – wie Herr XXX von der Aarios erläuterte – in den 14. Gang, entfernte dann den externen Wechsler, öffnete die Bremsen, und löste die Schraube mit dem fünfkantigen Spezialschlüssel. Ich war überrascht, dass ich dann nur noch die Kette vom Kettenkranz entfernen musste, und dann das Rad schon draussen war!
Nachdem ich den Schlauch ausgebaut hatte, wollte ich kurz nachschauen, wo die Luft entweicht. Ich steckte die Pumpe ans Ventil, und bekam dann den nächsten Schreck: Ich bringe nur sehr mühsam Luft in den Schlauch! So kann ich unmöglich den ganzen Reifen aufpumpen! Ich hätte doch noch zu Hause prüfen sollen, ob die Pumpe noch funktionstüchtig ist… Zum Glück habe ich beim Anhalten schon gesehen, dass nur 300 Meter weiter eine Tankstelle ist!
Ein bisschen Luft brachte ich dann noch rein und konnte das Loch identifizieren. Dann flickte ich das Loch, und während der Kleber trocknete, montierte ich einen anderen Schlauch im Hinterrad. So hätte ich beim nächsten Reifenschaden wieder einen unmittelbar einsatzfähigen Schlauch.
Das Zusammenbauen ging dann auch wieder ganz einfach: Kette auf den Kettenkranz legen, Hinterrad rein und festschrauben, Gangwechsler draufstecken und festschrauben, Bremsen einhaken, Gepäck wieder drauf – und das Fahrrad wäre wieder bereit zum Weiterfahren. In diesem Falle fehlte aber noch die Luft im Hinterreifen, welche ich dann in der nahe gelegenen Tankstelle besorgte. Als ich dort aber auf das Fahrrad sass, gab es sofort wieder einen Knall – und die Luft war schon wieder draussen! Also das ganze Prozedere nochmals!
Beim ersten Platten hatte ich bereits den Pneu auf Fremdkörper abgesucht, aber nichts gefunden. Da das zweite Loch an derselben Stelle entstand wie beim ersten Mal, untersuchte ich diese Position genauer. Und mit Schrecken musste ich feststellen, dass der Pneu genau am Felgenrand einen Riss hat! Da nützt das beste und langlebigste Profil nichts, wenn die Reifenflanke schon nach wenig mehr als 1’000 km defekt ist. Habe ich etwa den angegebenen Minimaldruck unterschritten? Das kann ich mir zwar kaum vorstellen, denn den Reifendruck habe ich jeweils am Abend gefühlt. Oder kann der Reifen einfach meinen Fahrstil nicht leiden? Ich sitze des Öfteren nicht im Sattel, um meine Körperteile zu entlasten. So entstehen wesentlich mehr seitliche Bewegungen, die mir nun zum Verhängnis werden könnten. Denn wo um Himmels Willen gibt es hier einen Fahrradshop? Notdürftig klebe ich einen Flick direkt auf die Innenseite des Pneus, so dass ein zusätzliches Polster entsteht. Der Tankwart erklärt mir dann, dass etwa 2 Kilometer weiter eine Werkstatt für Busse sei. Dort seien früher Fahrräder repariert worden; vielleicht habe der Inhaber ja noch einen Reifen.
Ich musste dann feststellen, dass dort zwar Reifen vorhanden sind. Allerdings passen die alle nur auf Busse… So fahre ich notgedrungen weiter, mit dem Wissen, dass es beim nächsten Reifenplatzer aus ist. In der nächsten Ortschaft war auch kein Fahrradgeschäft ausfindig zu machen, und dann nach etwas mehr als 10 Kilometern, zerstörte ein weiterer Knall alle meine Hoffnungen. Nach dem Motto „Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt“ ging es nun weiter. Bis zur nächsten auf der Karte verzeichneten Ortschaft verblieben mir 15 Kilometer, so dass ich mich auf einen längeren Marsch einstellte.
Nach knapp einem Kilometer kam mir dann aber ein Auto in langsamer Fahrt entgegen, von wessen ich kurz vorher überholt wurde. Der Fahrer hielt an, und sagte etwas unverständlich. Ich versuchte ihm klarzumachen, dass ich kein Schwedisch könne, aber Englisch. Er deutete mir dann an, dass er kein Englisch könne, und sagte etwas von einer Werkstatt, die er habe. Ich versuchte dann wieder klar zu machen, dass eine Werkstatt zum Reparieren mir nicht viel bringen würde, denn ich brauche schlicht und einfach einen neuen Pneu! Immerhin habe ich aber das Gefühl, dass er mir helfen will – was ich sehr gut gebrauchen kann! – und folge seinen Beschreibungen zu seiner „Werkstatt“.
Es waren dann noch etwa 300 Meter zu schieben, und dann stand ich vor seinem Haus, in einem Wald ein bisschen abseits der Strasse gelegen. Er hatte tatsächlich neben der Garage einen Hobbyraum, in welchen wir das Fahrrad dann schoben. Plötzlich verstanden wir uns dann auch viel besser: Es handelte sich um einen Deutschen, der mit seiner Frau nach Schweden ausgewandert ist. Er bot mir dann an, mich zum nächsten Fahrradladen zu fahren, der etwa 20 Kilometer entfernt ist, was ich dankend annahm. So erwarb ich dort dann einen Continental-Reifen, der beinahe das selbe Profil hat wie mein bisheriger Panaracer. Und wenn ich die schwedische Etikette richtig verstanden habe, wird für 1 Jahr garantiert, keinen Platten zu haben. Gleichzeitig kaufte ich dann auch noch eine neue Velopumpe, damit ich mich nicht mehr mit der alten herummühen muss.
Der neue Pneu war dann im Nu montiert und das Fahrrad wieder reisefertig. Die Familie, die auch noch einen Verwandten aus Deutschland zu Besuch hatte, lud mich dann noch zu Kaffee und Kuchen ein, und wir unterhielten uns dann über das Reisen allgemein und das Leben in Schweden.
Mittlerweile ist es sonnig geworden, und sie erzählten, dass der Wetterbericht einen trockenen Nachmittag und Abend verspricht. Ich machte mich dann wieder auf den Weg, und 90 Minuten später begann es dann wieder zu regnen… Da der Regen nur langsam einsetzte und angenehm warm war, verzichtete ich auf den Regenschutz. Dafür erlebte ich dann ein eindrückliches Blitzlicht-Gewitter, als ich auf der E06 Richtung Uddevalla strampelte. Auf der Gegenfahrbahn war Stau infolge Verkehrsüberlastung, und aus vielen stehenden Autos wurden von mir Fotos geschossen. Es muss schon beeindruckend sein, wenn ein Radfahrer, vom Rückenwind unterstützt, im Geschwindigkeitsrausch durch die Gischt brettert…
Ursprünglich wollte ich die JH in Färgellanda ansteuern. Mit dem Regen bevorzugte ich dann aber, in Uddevalla zu nächtigen. Sollte ich in der Jugendherberge keinen Platz haben, wird es Uddevalla eher Hotels haben, da ich infolge der Nässe nicht das Zelt benutzen möchte. Und so war es denn auch in Uddevalla: die JH war ausgebucht. Um zur JH in Gustafsberg zu gelangen, musste ich bereits durch die ganze Stadt durchfahren, wobei ich auch ein nahe gelegenes Hotel erblickt hatte. Also fuhr ich dorthin zurück und checkte ein. Das Zimmer bot dann einen imposanten Blick über die Stadt, und im geräumigen Badzimmer konnte ich meine Kleider zum Trocknen aufhängen.
