28.02.09, 0 km
Am Morgen war es stark bewölkt und die Luft etwas kühler – aber immer noch fast 20 Grad… Ich legte einen Ruhetag ein und schlenderte um die Mittagszeit auch durch diese pulsierende Metropole. Was ist denn hier los, dass so viele Leute unterwegs sind? Chillán ist ja nicht wirklich als Top-Spot bekannt, oder?
01.03.09, 70 km
Der Tag begann wieder stark bewölkt, doch im Gegensatz zu gestern zeigte sich am Nachmittag nicht die einheizende Sonne. Dafür begann es um Ninhue herum zu nieseln. Davon wurde aber eigentlich nur meine Brille betroffen, weshalb meine Sicht deutlich eingeschränkt wurde. Alles andere war schon vom Schweiss durchtränkt…
Um so weit zu kommen, musste ich zuerst aber einmal Chillán verlassen. Da konnte ich erfreut zur Kenntnis nehmen, dass die Leute hier am Sonntagmorgen nicht zu den aktivsten Menschen gehören. Ich hatte die Strassen praktisch ausschliesslich für mich alleine, weshalb ich dann auch über das eine oder andere Rotlicht fuhr. Weshalb soll ich anhalten, wenn sonst niemand an der Kreuzung steht, und ich dann an der nächsten Kreuzung wieder Rot hätte? Ich legte dann auch eine Handvoll Kilometer auf der richtungsgetrennten, zweispurigen Panamericana zurück, wobei ich den Seitenstreifen nicht exklusiv benutzten konnte: es kamen mir da auch zwei Velofahrer entgegen. Ich konnte dann die erste Abzweigung nehmen, damit ich nach Quirihue komme. Das ging dann Richtung Westen der Küste entgegen, und ich befürchtete da viel Gegenwind. Es war dann aber fast die ganze Zeit windstill, und ich hatte dann mehr mit den Anstiegen zu tun, die mir da immer heftiger im Wege standen.
Quirihue war fast wie eine kleine Bergankunft auf eine Anhöhe. Hier fuhr ich dann gleich zur Plaza des Armas, wo es auch ein Hotel gibt. Da um 13 Uhr noch kein Zimmer bezugsbereit war, setzte ich mich dann auf der Plaza auf eine Parkbank und beschäftigte mich anderweitig. Etwas mehr als eine Stunde später war dann ein Zimmer bereit, und ich packte die Seitentaschen und stieg die Treppen hoch. Dabei spürte ich, dass etwas mit meinen Oberschenkeln nicht in Ordnung ist – die Pause auf der kühlen (ca. 20 Grad!) Plaza hat gar nicht gut getan! Ich wusste, dass ich mit der schwarzen Tasche nochmals hoch muss, was ich dann mit viel Willen auch geschafft habe. Ich konnte danach aber kaum mehr stehen, geschweige denn laufen oder – am schlimmsten – sitzen!
Wann hatte ich das letzte Mal Muskelkater in den Oberschenkeln? Ich glaube, das war noch weit vor der Jahrtausendwende! Müde Beine ja, aber Muskelkater? Nein! Nach einer heissen Dusche schlüpfte ich dann unter die Bettdecke. Das hilft ungemein, denn mittlerweile kann ich wieder laufen… So verbrachte ich den Rest vom Tag im Bett und habe den letzten Band von Harry Potter fertiggelesen.
02.03.09, 53 km
Die gestrige Wärmetherapie hat ganz gut gewirkt, denn heute morgen hatte ich den Muskelkater schon fast überwunden. Und auf dem Rad verbesserte sich dieser Zustand noch viel mehr, so dass ich am Nachmittag in Cauquenes wieder ganz normal laufen konnte. Auch über den Bienenstich bin ich hinweg – seit Chillán ist der Juckreiz weg, und auch der rote Fleck ist jetzt verschwunden.
Die Strecke war heute nie eben, sondern es ging ständig über grössere Wellen hinweg, die zu steil waren, um mit grossen Gängen darüber zu fahren. Wie in den vergangenen Tagen war es am Morgen wieder stark bewölkt, doch konnte sich bis am Mittag die Sonne dann wieder durchsetzen. Dabei gab es eine ganz eigenartige Entwicklung: je mehr die Sonne schien, desto weniger schwitzte ich in den Anstiegen.
Als dann die letzten Wolkenschleier weg waren, erreichte ich auch Cauquenes – und dann wurde es aber wieder richtig heiss! Ich irrte noch ein bisschen durch die Strassen von Cauquenes, bis ich nach mehrmaligem Fragen ein verstecktes Hotel bei der Plaza des Armas fand – die sind offensichtlich nicht auf grosse Aufmerksamkeit angewiesen…
Am Nachmittag habe ich auch noch meinen Rückflug gebucht: nächsten Mittwoch Nonstop ab Santiago nach Zürich. Dann wird auch dieses Abenteuer Geschichte sein…
03.03.09, 41 km
Kurz nach Cauquenes begann eine Baustelle, die sich fast 10 Kilometer hinzog. Da musste ich zuerst fast eine halbe Stunde warten, und die Fahrzeugschlange wurde immer länger – auch wenn ich wiederum auf einer verkehrsarmen Strasse unterwegs war. Ein Lastwagen hat dann im Schritttempo eine Teermaschine vorbeigezogen, welche offenbar den Geist aufgegeben und die Strasse blockiert hat. Dahinter folgte dann auch gleich eine lange Kolonne aus der Gegenrichtung, und als zweitletztes Fahrzeug war auch ein Bewässerungslastwagen. Solche Vehikel habe ich auf Schotterabschnitten immer wieder gesehen, um den Staub zu binden. Infolge des langsamen Tempos war nun die Schotterpiste in der Baustelle aber eher geflutet denn bewässert, und meine komplette Ausrüstung – inklusive mir selber – war dann rasch braun.
Haarig wurde es dann am Ende der Baustelle. Kurz zuvor musste ich anhalten, da ein Lastwagen mit Tiefgänger die Strasse versperrte, und genau diese 30 Sekunden fehlten mir dann. Baustellen werden in Südamerika ja nicht mit Ampeln geregelt, sondern durch Arbeiter mit Schildern. Und da haben sie dann den Gegenverkehr losgelassen, bevor ich das Ende erreicht hatte. Die Strasse war da nur einspurig befahrbar und auf den Seitenstreifen konnte ich auch nicht ausweichen, da dort durchgehend ein hoher Kieswall lag. Da gab es dann nur noch Augen zu und durch und im Zentimeterabstand an den Fahrzeugen vorbei. Ein Lastwagen hat dann auch einen Teil der Abschrankung auf der anderen Seite weggerissen – es gab einfach nicht genug Platz! 20 Meter weiter habe ich dann dem Arbeiter einen grimmigen Blick zugeworfen und „¡Gracias!“ zugerufen – vielleicht schaut er dann die nächsten paar Mal, ob die Strasse frei ist, bevor er das Schild von „Stop“ auf „Siga“ dreht…
Die Strasse ging die meiste Zeit durch ein Tal, und da ich Richtung Westen fuhr, wehte mir auch wieder Mal der Wind entgegen. Dann gab es noch einen etwa 2 Kilometer langen Anstieg, bis ich die Berge überwunden hatte und dem Pazifik entgegen radeln konnte. Dort habe ich gleich in Pelluhue halt gemacht.
Hier verbringen wohl einige Chilenen ihren Urlaub, wobei die Temporada jetzt vorbei ist. Ferienzeit ist Januar/Februar und Pelluhue jetzt praktisch verlassen. Ich habe jetzt ein Zimmer mit Blick auf den pazifischen Ozean und den schwarzen Sandstrand.
Am späteren Nachmittag hatte sich hier auch der Nebel aufgelöst. Während es am Morgen in Cauquenes noch Sonnenschein gab, wurde es in Küstennähe immer grauer.
04.03.09, 78 km
Der Himmel war heute wieder den ganzen Tag wolkenlos, und entsprechend floss der Schweiss wieder mal in Strömen… Heute ging es mehr oder weniger der Pazifikküste entlang Richtung Norden. Mehr oder weniger, da der Ozean nicht immer zu sehen war, und es ab und zu auch ins hügelige Hinterland ging. Bei km 27 war ich dann wieder mal in so einer Steigung drin, und als ich aus dem Sattel ging, schwamm das Hinterrad. Nach fast 11‘000 km hat dieser Reifen somit seinen ersten und letzten Platten! Ich habe dann nämlich auch gleich den Reifen gewechselt, da der Platten durch einen kleinen Schnitt an der Felgenkante verursacht wurde. Ich hätte da sicher noch mit einem Pneuflick etwas retten können, aber ich bin ja auf den letzten Kilometern nach Santiago und habe noch 2 Ersatzreifen dabei. Ich nahm deshalb den zweiten Marathon XR-Reifen hervor, den ich seit Beginn dabei habe, und war dann erstaunt, wie schmal der ist. Ich dachte, dass beide Ersatzreifen gleich breit sind, doch am Vorderrad habe ich nun 26×2.00 und am Hinterrad 26×1.60 (der MarathonPlus hat die Masse 26×1.75). Ich bin natürlich froh, kann ich so einen schmalen Pneu am Hinterrad aufziehen, denn der Rollwiderstand ist so in der Regel deutlich geringer.
Ich fuhr weiter der Küste entlang, zwischendurch auch durch Wälder, und 20 Kilometer vor Constitución ging es dann an einem riesigen Sägewerk vorbei, welches direkt am Meer liegt. Danach ging es wieder mal richtig zur Sache: auf den folgenden 3 Kilometer ging es von Meereshöhe auf 200 Meter hoch, und nach einem kurzen Plateau ging es gleich steil weiter auf knapp 300 Meter. Auf diesem hohen Niveau ging es in der Folge dahin, immer wieder mit steilen Abfahrten und Anstiegen durchsetzt.
Einer dieser Anstiege war in einer scharfen Linkskurve, und die Strasse war da eigenartigerweise mit feinem Sand – oder mit feinstem Sägemehl – bedeckt. An die angegebene Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h hat sich in der Vergangenheit wohl nicht jeder Autofahrer gehalten, denn die Leitplanke musste da schon ziemlich leiden…
In Constitución ging es wieder von 300 Metern zum Meer hinunter – ich hoffe, dass ich morgen da nicht wieder hoch muss, sondern auf Meereshöhe weiterfahren darf…
Beim Nachtessen an der Plaza gab es plötzlich noch einen Stromausfall, womit ich mich dann – alleine – an einem Candlelight-Dinner wieder fand. Da mein Nachtquartier in der Nähe ist, gibt es auch dort keinen Strom – ein Block weiter hat es zwar wieder, aber das ganze Zentrum ist in Dunkelheit gehüllt.
05.03.09, 59 km
Dank WLAN (ein offenes Netz war in Reichweite, welches mir sporadisch Zugang gewährte) konnte ich nochmals ins Internet und eine Karte von Constitución studieren. Da sah ich, dass ich durchs Zentrum durchfahren kann und danach wieder auf die Strasse komme, die ich gestern oben in den Bergen verlassen habe. So musste ich den Hügel nicht wieder erklimmen, denn am Ende der Stadt war die Einfahrt fast auf Meereshöhe. Ich musste nur ein paar Meter hochklettern, damit ich auf einer langen Brücke einen Fluss überqueren kann. Es gab zwar gleich nach der Brücke noch eine Steigung, doch danach war die Strasse zumeist flach mit nur noch 2 nennenswerten Bergauf-Passagen um Putú herum sowie kurz vor La Palma. So rollte ich unter der wieder einheizenden Sonne Richtung Norden, meist vom Wind unterstützt.
Bei La Trinchera wagte ich mich dann auf einen „Camino Experimental“, welcher auf meiner Karte nicht eingezeichnet war. Dieser ging aber schön der Küste entlang und ersparte mir einiges an Weg, denn gemäss Karte hätte ich etwa 10 Kilometer ins Landesinnere radeln müssen, dort über eine Brücke und dann auf der anderen Seite vom Fluss wieder zurück. So musste ich nur etwa einen Kilometer im Gegenwind Richtung Westen zurücklegen und konnte dann wieder nach Norden abdrehen. So erreichte ich dann kurz nach dem Mittag Iloca, einem Stranddorf mit Cabañas wie Sand am Meer.
Apropos Sand und Meer: Am Nachmittag ging ich an den Strand, der direkt vor meinem Zimmer beginnt. Auf dem dunklen Sand geht es etwa 200 Meter bis zum Ozean, und der Strand ist mindestens 1 Kilometer breit – und das heute alles für mich alleine! Ich liess eine Weile die Wellen meine Füsse umspülen, beobachtete die Brandung und genoss die warmen Temperaturen.
Iloca hat vor allem chilenische Touristen, ein paar Argentinier schauen auch vorbei – und sonst kommen wohl nicht viele Ausländer hierher. Mir scheint aber auch, dass der Strand hier seine Nachteile hat: zum Baden sind die Wellen ziemlich hoch, aber zum Surfen reicht es doch nicht. Stuck in the middle?
06.03.09, 74 km
Boaaahh, war das heute nochmals ein anstrengender Tag! Die ersten 11 flachen Kilometer der Küste entlang waren ja noch angenehm, aber dann…
Es ging zwar zunächst flach weiter, aber nun nicht mehr asphaltiert. Da rollte es zunächst auch noch gut – aber nur, bis mir die Baumaschine entgegenkam und einen weichen Schotterfilm auftrug. Noch schlimmer wurde es, als ich in einen bewässerten Abschnitt hineinfuhr. Die Steigerung davon in Lipimáriva hätte ich mir aber ersparen können: Ich kam auf einen Abschnitt mit weichem, tiefen, feuchten Sand, so dass ich nur noch mit Schieben weiterkam. Doch die Strasse ging ohne Fortsetzung in Strand über… Ich erinnerte mich an die Abzweigung 2 Kilometer zuvor, hatte da aber nicht realisiert, dass ich da abbiegen sollte – genau so wie die Franzosen mit ihren 2 Wohnmobilen…
Also zurück, und da war zwar der Untergrund wieder deutlich besser, dafür ging es mit durchschnittlich ca. 10% die Flanke von einem Talkessel hoch. Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt… Im oberen Teil konnte ich wieder in die Pedale treten und auch die Steilstücke durchdrücken. Dann ging es oben auf der Krete um den Talkessel herum – und da war es natürlich auch selten eben… Auf einer Höhe von um die 350 Meter ging es so Richtung Llico, und da folgte eine Abfahrt, die noch steiler war als die Steigung zuvor. Da qualmten fast die Bremsen…
Nach Llico fuhr ich dann Richtung Osten ins Landesinnere, da ich gemäss Karte dort auf die Strasse Richtung Bucalemu treffen werde. Von der Küste wegfahren bedeutet natürlich wieder über ein paar Hügel klettern. Dabei sah ich unterwegs 3 Abzweigungen Richtung Boyeruca, doch dieser Ort ist auf meiner Karte nicht verzeichnet – und in eine Sackgasse wollte ich nicht fahren. Nun, als ich die angepeilte Kreuzung erreichte, war da natürlich auch Boyeruca angeschrieben, und ich „durfte“ über die Hügel wieder zurück Richtung Küste radeln, wobei nach jeder Steigung wieder eine Verbindungsstrasse einbog…
1 Kilometer vor Boyeruca kam die Abzweigung nach Bucalemu, nun wieder auf Asphalt. Hätte ich dem ersten Wegweiser nach Boyeruca gefolgt, hätte ich wahrscheinlich ca. 15 Kilometer auf Asphalt zurückgelegt anstelle deren 25 auf Ripio…
Den ganzen Tag über hatte ich Probleme mit dem Gepäck, welches immer auf eine Seite rutschte. Nachdem die rechte Seitentasche zweimal heruntergefallen war hatte ich genug und packte die Gepäckspinne aus, die ich seit Beginn dabei habe. So kommt also auch dieses Utensil noch zu seinem Einsatz…
Auf den letzten 10 Kilometern ging es zunächst an Salzfeldern vorbei, und nach zwei weiteren Steigungen und am Schluss einer heftigen Gegenwindpassage erreichte ich müde und erschöpft Bucalemu. Ich hoffe, die nächsten Tage werden wieder etwas ruhiger…
07.03.09, 34 km
Gleich nachdem ich Bucalemu verlassen hatte, ging es wieder bergauf – heute im steilsten Stück wenigstens auf Asphalt. Nach 3 Kilometern endete zwar das schwarze Band, doch die knüppelharte, schlaglochlose Erdpiste mit einem Hauch Sand obendrauf war fast so gut. Auch dieser Abschnitt wird wohl bald geteert sein, denn auf dem Abschnitt reiht sich Baustelle an Baustelle und ist überwiegend nur einspurig befahrbar. Die Strasse verläuft hier wieder oben auf der Krete, so dass ich mal links hinunter zum Meer schauen kann, mal rechts die weiteren Hügelketten im Inland betrachten kann. Ein Fernblick auf die Anden wurde mir aber nicht gewährt. Die Anstiege waren glücklicherweise immer moderat, und bald fuhr ich wieder auf Teer und erreichte nach einer schönen Abfahrt Cahuil.
Von dort aus ging es der Küste entlang, und kurz nach 11 Uhr erreichte ich Pichilemu, wo ich den Rest vom Tag verbringen werde.
Pichilemu, 07.03.2009
Gesamtkilometer: 10943


















