29.10.08, 81 km
Es gibt einfachere Streckenabschnitte als die Stadtausfahrt aus Comodoro Rivadavia. Die richtungsgetrennte, bis zu dreispurige Fahrbahn ist immer wieder mit Lichtsignalen durchsetzt und Steigungen gibt es auch nicht wenige – und das natürlich im Gegenwind… Nach knapp 10 km drehte die Strasse deutlich von der Küste weg Richtung Osten (und damit frontal in den Wind) – doch da will ich ja eigentlich gar nicht hin! Bin ich noch auf dem richtigen Weg? Ich fuhr ein par hundert Meter zurück zu einer Tankstelle, wo mir aber bestätigt wurde, dass das die Ruta 3 nach Caleta Olivia sei. Also wieder zurück in den Wind, und wenig später kam tatsächlich ein Kreisel, wo mein heutiges Tagesziel wieder mal angegeben war.
In einer langgezogenen 180 Grad-Kurve stieg die Strasse nun steiler an, und die Richtungsänderung bescherte mir auf dem letzten Stück auch Rückenwind! Oben angekommen hat man einen Super-Blick auf den Atlantik, denn die Strasse geht gleich wieder auf Meereshöhe hinunter. Auf den nächsten 30 Kilometern gab es noch zwei weitere Kurvensteigungen, neben „normalen“ Steigungen natürlich. Die Strasse schlängelte sich so der Küste entlang, wobei ich mich über jede Linkskurve freute und mich vor jeder Rechtskurve vor Windstärke 6 fürchtete.
Die zweite Streckenhälfte war wesentlich einfacher und erfreulicher, da es grösstenteils eben war und der Wind vorteilhafter wurde. Zuerst war die Strasse nämlich einige Kilometer durch die Böschung windgeschützt, danach drehte die Küste langsam Richtung Osten ab, womit auch die Linkskurven sich mehrten.
In der Regel ist jeder Strassenkilometer Argentiniens mit einem Schild markiert, welches die Distanz angibt. Wie im Norden auf der 11 wird auch hier auf der Ruta 3 die Entfernung zu Buenos Aires angegeben. So kann ich auch immer nachprüfen, ob mein Velocomputer die gefahrenen Kilometer korrekt misst. Den ganzen Tag freute ich mich heute, von einem speziellen Kilometerschild ein Foto zu schiessen, um dieses später als Überraschung zu verwenden. Doch zwei Kilometer davor hörten die Schilder plötzlich auf, und „mein“ Schild war nirgends zu sehen. Das darf doch nicht wahr sein! Ein Kilometer später als erwartet kam das Schild doch noch – und der Tag war gerettet! Haben die beim Schildchen setzen einen Kilometer vergessen?
Dank den besseren Windverhältnissen traf ich bereits gegen 14.00 Uhr in Caleta Olivia ein und fand bald ein Hotel. Die Familie war soeben mit dem Mittagessen fertig und bot mir die Reste an, so dass ich ein zweites Mal Mittagessen geniessen konnte. Unterwegs hatte ich mich ja wie üblich mit Wienerli, Brot und etwas Süssem gestärkt…
Der Wetterbericht aus der Heimat funktioniert hervorragend: auf mindestens 4 verschiedenen Kanälen wurde mir mitgeteilt, dass es heute geschneit hat, wobei die MMS-Nachricht nicht ankam. Ich hoffe nicht, dass ich auf der Tour mal durch ein Schneegestöber fahren muss… Es ist mittlerweile zwar auch kühler geworden, so dass ich seit gestern wieder langärmlig (aber mit kurzen Hosen und das kurze Shirt jederzeit griffbereit) unterwegs bin. Ich bin etwas früh dran, denn am wärmsten soll es im Dezember / Januar sein. Ich hoffe dafür, dass ich jetzt ein bisschen weniger starken Wind habe, denn ich bin ja ein bisschen kälteresistenter als viele andere Leute…
30.10.08, 80 km
Wie gestern war die Strecke zweigeteilt in einen hügeligen 1. Teil und einen flachen 2. Abschnitt. Nach der 1. Steigung ging es auch noch durch ein Ölförderfeld, welches direkt am Meer liegt. Dieses durchquerte ich auf der Ebene mit knapp 35 km/h – wobei die Flagge schlaff am Mast hing! Claude und Erika haben mit ihrem Gefährt solchen Rückenwind ja auch schon bei 90 km/h erlebt…
Die patagonische Wüste stellte noch weitere Sandberge in den Weg, bis nach 40 Kilometer eine mehr als 5 Kilometer lange Steigung auf ein Hochplateau auf ca. 300 Meter zu bewältigen war. Dort gab es 20 Kilometer formidablen Wind schräg von hinten, bis die Strasse eine winzige Kurve machte. Dies hatte zur Folge, dass der Wind nun nur noch von der Seite kam – und dadurch hatte ich das Gefühl, gegen Windstärke 6 ankämpfen zu müssen. Fotos schiessen war auch gefährlich, da die Windböen das Fahrrad mühelos umschmissen – und als ich einen Moment nicht aufpasste, hatte ich den Lenker plötzlich im Rücken…
In Fitz Roy quartierte ich mich am frühen Nachmittag im Hospedaje ein – die 132 km bis zur nächsten Unterkunft versuche ich morgen zu bewältigen… Ich befreite das Velo wieder von allem Staub, der sich in den letzten Tagen angesammelt hat, und musste dabei feststellen, dass nun auch der Gepäckträger auf einer Seite gebrochen ist – wahrscheinlich eine Folge der Windattacken auf das Fahrrad. Meiner Meinung nach sollte dieser Schaden aber marginal sein und keine Konsequenzen nach sich ziehen.
31.10.08, 133 km
Heute war ein extrem harter Tag!!!
Wie gestern wäre es zwar warm genug gewesen, mit dem Kurzarmhemd zu fahren, doch das Thermohemd mit dem zurück gekrempelten Langarmhemd regelt die Temperatur auch ganz gut. Der Wind hat gegenüber gestern aber noch einen Zahn zugelegt. Die ersten 10 Kilometer gab es noch Rückenwind, und auf den folgenden 60 Kilometern meist Seitenwind. Aber wenn die Strasse nur leicht drehte, dass der Wind leicht schräg von vorne kam, hatte ich mit Windstärke 7 xu kämpfen. Als die Ebene durch ein tiefer gelegenes Tal unterbrochen wurde, war ich deshalb beim anschliessenden Aufstieg schneller als im Flachen…
Später gab es noch eine Umleitung, da die Strasse erneuert wird. Bald suchte ich aber einen Weg zurück zur frisch geteerten Strasse, da ich da einiges rascher vorwärts kam als auf der Naturstrasse… Dafür musste ich nun nicht mehr nach Schlaglöcher Ausschau halten, die mich seit Comodoro Rivadavia viel zu oft durchschüttelten!
Nach dem Mittagessen bei km 60 diente ich mal wieder als Fotomodell – das muss sicher lustig ausgesehen haben, wie ich mich da gegen den Seitenwind lehnte…
Nach etwa 80 Kilometern wurde es ganz übel: es gab keine flachen Abschnitte mehr, sondern nur noch Hügel um Hügel. Dabei hatte ich das Gefühl, dass es mur noch bergauf geht – was mir der Velocomputer aber nicht bestätigen wollte… Der Wind legte aber nochmals zu, und ich hatte bis Tres Cerros mit Gegenwind-Stärke 8 umzugehen. Da war ich immer froh, wenn die Geschwindigkeit einen zweistelligen Wert erreichte! So war denn auch nicht mehr viel Freude dabei, bis ich Tres Cerros erreichte, denn je härter ich gegen den Wind kämpfte, desto fester schlug dieser zurück! Deshalb war ich auch froh, dass der Verkehr seit Caleta Olivia deutlich abgenommen hat, denn oft brauchte ich die ganze Fahrspur, um die Böen abzufangen.
Nach 120 km wurde es wenigstens eben, und ich konnte 3 Hügel erkennen – Tres Cerros ist also in Reichweite! Auf der Karte machte sich auch die Richtungsänderung nach Osten etwa 6 km vor Tres Cerros ganz gut und ich hoffte darauf, da endlich wieder mal aus dem Gegenwind zu kommen. Doch diese Kurve wollte nie auftauchen, so dass der Kampf gegen den Wind bis Tres Cerros weiterging – und den ich heute schlussendlich auch gewann!
Tres Cerros ist im Prinzip gar kein Ort, sondern nur eine Tankstelle mit angebautem Hotel und Comedor. Nach fast 9 Stunden auf der Strasse reicht mir das aber vollkommen…
01.11.08, 15 km
Heute hat der Wind gewonnen!
Am Morgen dachte ich noch, dass der Wind schwächer geworden ist, doch nichts da! Er weht wie gestern Abend – nur dass die Luft heute eisig kalt war. Da wäre mir heute die Posaune definitiv eingefroren! Nach Dreiviertelstunden bei km 7 packte ich daher meine Jacke aus, und 5 km später gab ich auf. Bei jedem vorbeifahrenden Laster hielt ich an und streckte den Daumen in den Wind, und nach einem weiteren Kilometer klappte es beim dritten Versuch.
Wir hoben gemeinsam Fahrrad mit Gepäck auf den halb beladenen Anhänger und befestigten dieses mit der schwarzen Packtasche und einem Stück Draht. Sergio und Carlos arbeiteten in Fitz Roy und fahren jetzt zurück nach San Julián. So konnte ich 135 Kilometer abkürzen und mich in der Führerkabine wieder aufwärmen, bis wir um 11.00 Uhr in Puerto San Julián eintrafen. Dort fand ich rasch eine Unterkunft, so dass ich mich mal ein wenig erholen kann.
Nach dem Mittagessen war aber noch ein bisschen Reparaturarbeit angesagt: Auf dem Laster brach die Flaggenstange, die ich mit Heftpflaster wieder dick einbandagierte. Und vor dem Hotel erwischte eine Windbö mein Fahrrad wieder einmal heftig, und diesmal mit Folgen. Das Schutzblech am Vorderrad brach in zwei Teile, welche ich jetzt mit einer Kombination aus Superkleber und Heftpflaster wieder zusammensetzte. Mal sehen, ob das hält…
San Julián, 01.11.2008
Gesamtkilometer: 5258


















