28.01.09, 94 km
Der Start erfolgte mit der identischen Ausrüstung wie immer. Die Ladenkette, die im Internet anpreist, dass sie für die Ortlieb-Taschen Ersatzteile führt, hat diese nur in Santiago zur Verfügung, nicht aber in der Niederlassung von Puerto Montt. Und wenn man die E-Mails nicht liest und das Teil entsprechend positioniert, muss man sich nicht wundern, wenn man keine Geschäfte macht… Eine Kartusche Campinggas habe ich dann auch zum Trotz im Geschäft gegenüber gekauft!
So ging es also wieder den Hügel hoch auf die Hauptstrasse, aber glücklicherweise fand ich einen etwas sanfteren Anstieg als die steile Abfahrt gestern Nachmittag. Die Strasse mündete dann in die Ruta 5 – der Panamericana. Meine ersten Meter auf dieser berühmten Strasse – und die waren dann erst noch Autobahn! In Südamerika darf aber wohl so ziemlich alles, was sich bewegt, auf die Autobahn, denn es hat sogar Bushaltestellen. Bald hörte die Richtungstrennung auf und es stand in beide Richtungen nur noch eine Spur zur Verfügung – nebst dem Seitenstreifen, den ich benutzte.
Nach einigen Kilometern fuhr ich da auch für 2 Kilometer an der stehenden Kolonne vorbei, welche durch einen Auffahrunfall verursacht wurde. Ein Lastwagen verkürzte einen Minibus um ein paar Zentimeter, und 20 Meter dahinter waren 3 Fahrzeuge ineinander verkeilt. Sogar in Südamerika werden da wohl 2 Vehikel nicht mehr auf der Strasse zu sehen sein…
Den nächsten kilometerlangen Stau gab es dann beim Fährhafen, wo ich mich wiederum vorbeidruckte und mich vorne hinstellte. Als dann eine Fähre kam, liess ich wieder die Fahrzeuge vorbei, bis das Stoppsignal kam, und hängte mich dann hinten dran. Ein Fahrrad hat immer irgendwo Platz…
So war ich um halb ein Uhr auf der Insel Chiloé – und sah nach wenigen Metern die nächste Gruppe Radfahrer vor einem Supermarkt pausieren. Natürlich waren da auch wieder Schweizer dabei… Die waren dann aber einiges schneller als ich, liess sie überholen und ziehen. Ob sie mit ihren schmalen Reifen dann auf dem Schotter gut vorankommen werden?
Ich fuhr noch bis Ancud, wo ich nach Berg- und Talfahrt das gesuchte Hostal direkt am Meer fand.
29.01.09, 85 km
Die Berg- und Talfahrt geht weiter, der Verkehr ist immer noch dicht, und wohin wollen eigentlich alle diese Lastwagen mit der übel stinkenden Fracht? Da ist jeweils für einen Moment atmen nicht gerade angenehm! Landschaftlich reizt mich Chiloé nicht besonders, und die Kirchen, auf die die Inselbewohner stolz sind, habe ich gestern alle in einem Buch gesehen. Für mich sind die nichts besonderes. Gebaut wurden diese aus Alercenholz, welches heute auf der Insel praktisch nicht mehr zu finden ist – das wird dann aber höchstens am Rande erwähnt…
Als ich eine der vielen Steigungen im Wiegetritt hochfuhr, gab es plötzlich ein unwillkommenes Geräusch hinter mir: die nächste gebrochene Gepäckträgerschraube. Hoffentlich reicht die letzte Ersatzschraube, die ich noch im Portemonnaie habe, bis Bariloche…
Bei der Einfahrt in Castro holte ich zwei Franzosen ein, und wir machten uns gemeinsam auf Unterkunftssuche. Ihr Budget ist für mich etwas eigenartig aufgeteilt. Die Unterkunft darf eigentlich nicht mehr als 4‘500 Pesos kosten, doch drei Bier abends für 3‘000 Pesos liegen problemlos drin…
30.01.09, 94 km
Die ganze Nacht hat es geregnet, bis kurz nach 7 Uhr – und dann um 8 Uhr nochmals. Als ich eine halbe Stunde später losfuhr, war Sonnenschein, doch nach ein paar Kilometern kam wieder ein bisschen Nass vom Himmel, allerdings nur ganz leicht.
Auch heute war es wieder ein ständiges Auf und Ab, doch irgendwie gefiel es mir landschaftlich besser als die letzten Tage. Als ich meine Mittagspause beendet hatte, kam wieder eine dicke schwarze Wolke, und ich sprintete mit dem Fahrrad 200 Meter den Berg hoch, um oben im Buswartehäuschen den 10minütigen Regenschauer im Trockenen abzusitzen. Danach war es dann glücklicherweise die ganze Zeit sonnig, und die unbarmherzigen Anstiege trieben mir die Schweissperlen auf die Stirn.
Als ich in Quellón ankam, suchte ich eine Unterkunft und sah dabei das Büro von Naviera Austral – also zuerst die Schiffspassage nach Chaitén buchen. Dort wurde mir mitgeteilt, dass die Fähre heute morgen wegen schlechtem Wetter nicht fahren konnte und erst morgen um 03.00 Uhr ablegt. Also mache ich morgen keinen Ruhetag (die nächste Fähre würde planmässig am Sonntag ablegen), sondern fuhr gleich zur Fähranlegestelle, den Verladen ist um Mitternacht.
Dort habe ich mich ums Fahrrad gekümmert, denn die Speichen am Hinterrad brechen in letzter Zeit. In Ensenada hatte ich den ersten Speichenbruch bemerkt, gestern in Castro den zweiten – und heute morgen dann gleich den dritten. Deshalb fuhr ich heute die ganzen Aufstiege auch im Sattel, nur einmal ging ich schnell in den Wiegetritt – und ping, die vierte Speiche war dahin… Daher die Speichen jetzt wieder komplettiert und das Rad so gut wie möglich zentriert. Am Gepäcksträger habe ich auch noch eine Schraube ausgetauscht, da ich heute gesehen habe, dass die obere Halteschraube identisch mit den Befestigungsschrauben der Trinkflaschenhalterung ist. Da stecken jeweils 3 im Rahmenrohr, wobei nur 2 benutzt werden – und eine der Gepäckträgerschrauben kann ich seit Cochrane nicht mehr richtig festziehen. Dann habe ich noch die Kette gewechselt, da die alte langsam aber sicher hüpft (bei 2 Gleichen ist etwas abgebrochen). Diese Reparatur ging allerdings nicht so gut und muss ich morgen in Chaitén dann hoffentlich erfolgreich beenden. Sonst wird es schwierig weiterzukommen, wenn alle paar Meter die Kette wieder neu auf den Kranz gelegt werden muss!
31.01.09, 45 km
Um Mitternacht wurde ich durch den Natel-Wecker aus dem einstündigen Schlaf gerissen, und da hat sich auch schon eine längere Autokolonne in der Zwischenzeit hingestellt. Wir mussten dann allerdings alle bis nach 2 Uhr warten, bis wir endlich verladen konnten – das war ganz schön kühl, wenn so der Wind vom Meer her weht…
Auf der Fähre habe ich mich dann sogleich wieder hingelegt und bin so zu weiteren 4 Stunden Schlaf gekommen – weit weniger als meine üblichen 8 bis 9 Stunden…
In Chaitén konnte ich dann auch die Rauchwolke vom Vulkan sehen – vor 10 Tagen war es bewölkt und ich konnte nur zweimal leichte Erdbeben spüren… Ich schob das Fahrrad durch die Auto- und Menschengasse, die vor der Fähre bereit standen, bis in Chaitén hinein. Bei der Tankstelle soll es einen Taller geben, der sicher eine Zange hat und meine festsitzende Schraube lösen kann. Doch dort war nichts solches zu finden, sondern nur die Information, dass am Ende des Dorfes nach der Brücke ein Taller sei. Also weiterschieben, über die Brücke – doch dieser scheint nicht nach Chaitén zurückgekommen zu sein. Was nun? Als ich so dastand und schon zum Supermarkt zurücklaufen wollte, um dort noch Informationen zu erhaschen (irgendwo in Chaitén muss einfach eine Zange sein!), kam Gian-Franco mit seinem Rad angerollt, mit dem ich mich schon gestern Nacht beim Warten auf die Fähre unterhalten habe – und er hat tatsächlich so eine Zange dabei! So konnte ich die Schraube lösen, die Kette spannen – und alles funktionierte einwandfrei. Einzig mit der Schaltung hatte ich noch ein kleines Problem, da ich nur dreizehnmal schalten konnte.
Mit Gian-Franco machte ich mich so auf den Weg bei Sonnenschein und angenehm warmen Temperaturen, wobei Gian-Franco dann zu einem Campingplatz fuhr und ich 2 Kilometer weiter unter die bekannte Brücke. Dort machte ich dann zuerst eine grosse Portion Pasta mit Tomatensauce, da ich weder gestern Abend noch heute morgen viel gegessen habe. Ich baute das Zelt auf, wusch mich im Río Yelcho, schlief ein bisschen – und kümmerte mich dann eben um die Schaltung. Ich probierte ein bisschen herum, doch es wurde nicht besser. Also das Handbuch studieren, doch das nützte im ersten Anlauf auch nichts. Erst später sah ich dann: 13 Mal schalten = 14 Gänge! Natürlich!!!
Ich konnte dann auch feststellen, dass die neue Schraube am Gepäcksträger sehr viel wert ist. Während gestern und vorgestern die untere Befestigungsschraube sich selbst auf Asphalt lockerte und ich unterwegs nachziehen musste (sonst hätte ich diese verloren), waren heute alle Schrauben auch nach den 16 Kilometern Ripio immer noch satt. Das stimmt mich doch zuversichtlich!
01.02.09, 79 km
Gleich zum Start wartete die bereits bekannte Cuesta Moraga auf mich: 20 Kilometer bergauf, die letzten davon ziemlich steil. So hatte ich diesen Berg jedenfalls in Erinnerung…
Die ersten 15 Kilometer kam ich dann aber ziemlich flott voran, bei km 16 hatte ich dann die ersten 100 Höhenmeter des heutigen Tages bewältigt – bis zum Gipfel verblieben noch deren 450… Den Schlussanstieg bewältigte ich dann besser als erwartet. Als es richtig steil wurde, trampte ich im ersten Gang hoch, aber bei jedem Blick auf den Velocomputer waren wieder einige Höhenmeter überwunden. Bald (ok, es dauerte schon ein paar Augenblicke…) konnte ich dann die Brücken-Spitzkehre sehen, und ich wusste ja, dass es da fast geschafft ist!
Beim Hinunterfahren hatte ich dann fast mehr Mühe, da ich wegen dem starken Gefälle die ganze Zeit bremsen musste und das Rad auf dem Untergrund herumhüpfte. In Villa Santa Lucía bog ich dann links ab und erradelte wieder Neuland. Nach wenigen Kilometern legte ich dann aber einen Stopp ein und wechselte definitiv vom Asphalt- auf Ripio-Setup: Luft aus den Reifen ablassen, denn die Fahrbahn wurde nun grottenschlecht bis nach Puerto Ramirez. Da kann man leider die fantastische Landschaft nur bedingt geniessen, da man sich extrem auf die Strasse (oder was davon noch übrig ist…) konzentrieren, um die beste Spur mit den wenigsten Schlaglöchern zu finden. Und wenn man einmal übermütig hochschaut, erwischt man sicher ein so tiefes Loch, dass es einem fast den Lenker aus den Händen reisst…
In Puerto Ramirez bog ich dann ab Richtung Futaleufú, dem Mekka der Wildwasser-Rafter. Nach etwa 10 Kilometer wurde die Strasse dann plötzlich ausgezeichnet – hoffentlich bleibt das dann so bis Trevelín, wo es wieder Asphalt geben soll! Dafür waren dann wieder ein paar knackige Anstiege drin, wo ich dann das Rad hochwuchten durfte – jeweils gefolgt von einer Abfahrt…
Knapp 30 Kilometer vor Futaleufú sah ich dann eine steinige Plattform neben der Strasse. Und das Panorama dort ist so ausgezeichnet, dass ich das Zelt einfach aufstellen musste! Es war dann zwar nicht ganz einfach, doch schlussendlich konnte ich das Zelt mit einer Hering-Stein-Kombination verankern. Und wenn das Wetter so herrlich wie heute ist, sollte ich morgen früh von den Sonnenstrahlen geweckt werden!
02.02.09, 30 km
Mit „von den Sonnenstrahlen geweckt werden“ wurde leider nichts, denn nachts prasselte Regen auf mein Zelt. Dies dauerte dann bis 8 Uhr an, und danach war es stark bewölkt und windstill, weshalb das Zelt nur langsam trocknete. Da überbrückte ich die Zeit wieder mal mit Sudoku und war froh, dass ich gestern so weit vorangekommen bin und für heute zwei Optionen hatte: Trevelín bei schönem Wetter (80 km) oder Futaleufú (30 km).
Gegen 11 Uhr legte ich dann die ersten Meter zurück, zuerst noch schön dem Fluss entlang, doch dann in ein anderes Tal hinaufsteigend. Irgendwie kam es mir heute vor, als würde ich endlos bergauf fahren. Ich startete auf 260 m ü. M., fuhr hoch auf 400, dann eine 1 Kilometer lange Abfahrt, bevor es – unterbrochen durch eine weitere kleinere Abfahrt – auf 520 Meter hochging. Dann ging es wenigstens für ein paar Kilometer wieder runter und einem weiteren Fluss entlang (diesmal sogar flussabwärts), doch es folgte nochmals ein happig steiler Anstieg vom Fluss weg. Auf der anderen Seite konnte ich dann mehr schlecht als recht Richtung Futaleufú rollen (es hatte heute wieder des öfteren tiefe Rippen in der Strasse). Der letzte Anstieg bedeutete dann Endspurt zwischen den Häusern, bis ich auf knapp 450 Metern mein Ziel erreichte. Immerhin habe ich heute wieder über 500 Höhenmeter gemacht.
Unterwegs begleitete mich für ein paar Kilometer auch ein Hund, welcher vor oder hinter mir hersprang – ausnahmsweise ohne zu bellen. Der macht das wohl nicht zum ersten Mal, wobei er offenbar auch mal unter Räder gekommen ist. Jedenfalls ist seine Spur nicht mehr gerade…
Futaleufú ist ein kleinerer Ort, als ich mir das vorgestellt hatte, hat aber immerhin asphaltierte Strassen, Unterkunft, Internet und Supermarkt. Und mehr brauche ich ja fast gar nicht (ein Velogeschäft werde ich dann hoffentlich in Bariloche finden, damit meine Räder wieder mal zentriert werden können).
Futaleufú, 02.02.2009
Gesamtkilometer: 8798


















