Wie man sich doch von Höhenprofil und Wetterbericht täuschen lassen kann, auch wenn diese Angaben stimmten! Wie erwartet gab es heute eine Flachetappe mit nur wenigen Höhenmetern und etwas Gegenwind am Nachmittag – also eigentlich ein Kinderspiel, die 90 Kilometer bis Fabro locker zu schaffen. Aber nichts da! Ich hatte den Untergrund unterschätzt – und auf den über 75 Kilometern auf Naturstrassen ging es bei Weitem nicht so rasch voran wie auf Asphalt!
Als ich um 04.00 Uhr auf die Toilette ging, kippte ich auch wieder an der FI-Sicherung – und diesmal blieb sie drin, das Licht ging an und der Kühlschrank begann zu laufen! Offensichtlich hat es in der Küche genügend abgetrocknet, so dass es keinen Kurzschluss mehr gibt. Zum Frühstück kochte ich daher die Pasta, die ich eigentlich gestern zum Abendessen vertilgen wollte. 250 Gramm waren dann doch etwas viel, den Rest verstaute ich in einer Plastikbox (Ja, auch sowas habe ich dabei!) und ass am Abend als „Apéro“ im Hotel. Beim Boiler platzierte ich noch eine Notiz, dass die Leitung abgeschaltet ist, und die Schlüssel platzierte ich wieder im Briefkasten. Von der Vermieterin habe ich nichts mehr gehört; im gestrigen Trubel habe ich ja „vergessen“, die Übernachtungssteuer von EUR 3 in bar im Appartement zu platzieren und Fotos von meinem Ausweis zu senden…
Als ich um 08.30 Uhr aufs Fahrrad stieg, war es bitterkalt – der Wetterbericht meldete eine Temperatur von lediglich 7 Grad! Daher fuhr ich mit Thermounterhemd und blauem Langarmtrikot los, Letzteres konnte ich erst am Nachmittag durch das Kurzarmhemd ersetzen. Da die Sonne sehr lange brauchte, um die Wolken zu durchbrechen, lag es nur an meiner Faulheit, dass ich unterwegs nicht das Gepäck nochmals demontierte und die Handschuhe aus einer der Packtaschen hervorkramte…
Arezzo verliess ich westwärts, um nach ein paar Kilometern die Fahrtrichtung nach Süden zu ändern. Es hätte auch die Möglichkeit gegeben, die Stadt südwestwärts zu verlassen und so ein paar Kilometer einzusparen – aber zu diesem Zeitpunkt ging ich ja noch von einer einfachen Etappe aus… So war ich dafür rasch wieder auf dem Track der EuroVelo 7, wobei dieser Fernradweg hier nicht ausgeschildert ist. Dafür ist der „Sentiero della Bonifica“ signalisiert, der sich bis Chiusi Scalo auf derselben Route befindet. Auf diesem 62 Kilometer langen, absolut flachen Abschnitt habe ich in der ersten Stunde zwei Biker und einen Jogger gesehen, am Nachmittag zwei Spaziergänger und ein paar Leute beim Lago Chiusi, ansonsten hatte ich die Strecke bis Chiusi für mich ganz alleine! Aber eben, das ist vielleicht auch dem Untergrund gewidmet: Zuerst ging es noch auf einer schönen Schotterstrasse los, die bald in eine Naturpiste überging, wo es nur zwei 15-20 cm breite Fahrspuren gab, die es zu treffen galt, und einige Kilometer waren auch nur Single-Track. Während dutzenden Kilometern war der Blick daher zum Boden gerichtet, um nicht von der Piste abgeschüttelt zu werden. Immerhin gab es keine Schlaglöcher – aber die Potenziale waren mit feuchtem Lehm gefüllt, was jeweils eine enorme Bremswirkung zur Folge hatte. Und wenn der Lehm endlich wieder aus dem Reifenprofil gefahren war, kam die nächste Dreckstelle…
Die Piste führt nicht durch Besiedlungen, dafür auf den letzten Kilometern vor Chiusi Scalo an zwei Seen vorbei; zuerst der Lago di Montepulciano, von dem aber nicht viel zu sehen ist, anschliessend der Lago di Chiusi mit schönem Rastplatz und Steg.
In Chiusi Scalo ging ich zum Coop, um einzukaufen. Dabei war wieder einmal Sekundenkleber dabei, der für die Lenkertasche verwendet wird. Am Deckel löst sich eine geklebte Naht; das ist ein „No Go“, denn dadurch verliert die Tasche die Wasserdichtigkeit. Und da ich darin ein paar elektronische Geräte (Kameras, Powerbank) aufbewahre, muss die Naht wieder zugeklebt werden. Zudem lösen sich wieder die Magnete vom Schliessmechanismus, die ich diesen Sommer schon einmal wieder angeklebt habe.
Nach Chiusi Scalo war ich auf dem Radweg ähnlich einsam unterwegs wie zuvor. Es konnte nun zwar die ganze Breite der Naturstrasse befahren werden, dafür hatte es einige Schlaglöcher und Wasserlöcher drin, die umkurvt werden mussten.
Die letzten Kilometer von Fabro Scalo nach Fabro war ich wieder auf Asphalt unterwegs, quer durchs Tal und in Wellen über Eisenbahnstrecke und Autobahn. Es folgte der Schlussanstieg, den ich erwartet hatte – aber nicht mit der steilen Abfahrt ganz am Schluss! Da werde ich morgen gleich etwa 40 Höhenmetern mit etwa 20 % Steilheit erklimmen müssen!
Im Hotel reinigte ich zuerst wieder das Fahrrad, da hat sich heute wieder eine Menge Schmutz angesammelt. Zudem habe ich auch die Kette wieder frisch geschmiert. Nach dem Duschen kümmerte ich mich noch um die Lenkertasche, und um 19.30 Uhr geht es zum Nachtessen!
