Heute habe ich mir vorgenommen, den Nordteil des Mjøsa-Sees zu umrunden. Hamar, mein heutiges Ziel, liegt etwa 30 Kilometer östlich von Gjøvik, auf der anderen Seite des Ufers. Um dorthin zu gelangen, nehme ich den Weg über Lillehammer.
Auf diesem Weg wurde ich aber bereits ausgangs von Gjøvik in die Irre geführt. Dort war nämlich angegeben, dass die Landstrasse nicht mehr weitergeht, sondern in einer Sackgasse endet. Nach Links auf die Hauptstrasse durfte ich laut Verbotsschildern nicht abbiegen. Also blieb mir nur der rechte Weg den Berg hoch. 250 anstrengende Höhenmeter später hatte ich zwar einen hervorragenden Blick über den Mjøsa, aber wirklich glücklich war ich nicht. Die Steigung will nicht enden, führt aber zunehmend vom See weg, was nicht in meinem Sinne ist. Also fuhr ich wieder hinunter, wählte diesmal die rechte Strasse (schliesslich ist das Radfahren erst nach 200 Metern verboten…) und bog dann nicht auf die Hauptstrasse ab, sondern blieb auf der Strasse, welche unter der Hauptstrasse durch an den See führte. Etwa 2 Kilometer später hörte dieser Weg dann aber auf zu existieren… So blieb mir nichts anderes übrig als zurückzufahren. Ich benutzte dann aber nicht die Unterführung, sondern fuhr über einen kleinen Pfad und über die Wiese zur Hauptstrasse. Dort wuchtete ich dann das Fahrrad samt Gepäck über die Leitplanke, bog dann das vordere Schutzblech wieder gerade und fuhr drauflos. Etwa 500 Meter später wurde mein Aufenthaltsort legalisiert: Ich hätte die Sackgasse benutzen sollen, denn diese mündet dann für die Velofahrer in die Hauptstrasse. Aber wie soll man dies als Ortsunkundiger wissen?
Die Hauptstrasse wurde anlässlich der olympischen Spiele 1994 gebaut, wobei an vielen Orten noch die alte Landstrasse vorhanden ist. Diese dient nun als Radweg, so dass ein überwiegender Teil der Strecke nach Lillehammer auf verkehrsarmen Strassen zurückgelegt werden kann.
Vor einem kleinen Einkaufsladen sah ich dann eine Gruppe mit Velofahrern. Ein Fahrrad konnte ich sofort als Switch-Bike identifizieren, mit welchem ich auch meine bisherigen Radtouren unternommen habe, und einer der Radler trug ein FCB-Trikot. Folglich konnte es sich nur um Schweizer handeln! Es stellte sich dann heraus, dass die Familie nach Gjøvik ausgewandert ist, und der Vater mit seinen beiden Söhnen die jährliche Tour nach Lillehammer unternimmt.
Von Lillehammer sieht man schon von weitem die Skisprungschanzen, die oberhalb der Stadt gebaut wurden. Je näher man kommt, umso imposanter erscheinen diese Bauwerke. Vor Lillehammer führte dann eine schmale Brücke über den Mjøsa direkt in die Stadt. Da musste ich feststellen, dass der erhöhte Seitenstreifen wohl eher für Fussgänger gedacht war…
Lillehammer liess ich dann rasch hinter mir, und ich machte mich wieder auf den Weg Richtung Süden. Bald sah ich einen Wegweiser, der einen Radweg weg von der Hauptstrasse anzeigte. Und schon befand ich mich 50 Höhenmeter tiefer auf einer Schotterpiste… Auf dem Radweg gab es dann überhaupt keinen Verkehr, und ich konnte die Fahrt durch den Wald, zuweilen mit Blick auf den Mjøsa, manchmal mit ein paar Häusern am Strassenrand, in vollen Zügen geniessen. Mühsam waren nur die Steigungen, die zu bewältigen waren. Der See ist doch flach, oder? Warum kann dann die Strasse nicht auch flach sein?
Immerhin wurde das Wetter immer freundlicher. Während es in der Nacht noch geregnet hatte (am Morgen war der Boden jedenfalls nass) und es am Morgen noch relativ kühl war, durchbrachen zunehmend Sonnenstrahlen die Wolkendecke. Nach und nach war dann auch blauer Himmel zu sehen, und auch die Temperaturen stiegen angenehm an.
Kurz vor Hamar habe ich mich dann noch ein letztes Mal verfahren: Der Radweg kam zurück zur Strasse und endete dann unvermittelt. Da gleich am Ende vom Radweg eine Strasse den Hang hinunterführte, bog ich links ab. Da war dann Hamar allerdings nicht zu finden… Ein paar Kilometer später fand ich dann wieder einen Weg in die Gegenrichtung, der nicht allzu steil ist. Nachdem ich die Kuppe überwunden hatte, war ich dann auch schon mitten in Hamar. Ich fuhr dann geradewegs hinunter ans Ufer der Mjøsa, und dann sah ich schon den Pfeil, dass sich das Touristenbüro 1.5 km weiter befindet. Leider fand ich dann keine weiteren Indizien, dass in Hamar tatsächlich ein solches Office existiert… Allerdings sah ich dann bald den Wegweiser zur Jugendherberge, und da hatte ich mehr Glück: Diese habe ich dann auch tatsächlich gefunden!
Die Jugendherberge liegt direkt neben der Olympia-Eishalle, die die Form eines umgekehrten Wikingerschiffes hat. Die JH selbst wurde auch für die olympischen Spiele gebaut. Damals dienten die Gebäude allerdings als Unterkunft für die Funktionäre. Die JH ist nicht ganz billig, dafür ist das Platzangebot hervorragend: Ein riesiges Wohnzimmer, 2 Badzimmer, eine geräumige Küche, ein separates Esszimmer, und sehr bequeme Betten. Allerdings hatte ich Glück, dass ich in der JH Unterschlupf gefunden habe: Als ich nach einem freien Bett nachgefragt habe, erwiderte mir die Receptionistin, dass die JH eigentlich ausgebucht sei. Sie schaute dann nochmals nach und fragte, ob es mir etwas ausmachen würde, wenn eine Frau im selben Zimmer übernachten würde. Da mir wichtiger war, überhaupt ein Bett zu haben, war für mich das Geschlecht von Zimmergenossen zweitrangig. So habe die Wohnung mit einer älteren Dame aus der Region von Skien im Süden Norwegens geteilt. Sie besuchte eine religiöse Veranstaltung, die in der Nähe von Hamar stattfand, und war von der Idee begeistert, die Ferien mit dem Fahrrad zu verbringen. Dabei erzählte sie, dass sie selbst manchmal auch Fahrrad fahren würde. Allerdings habe sie eine solche grosse Tour noch nie gewagt…


















