Eine Alpenquerung steht heute wieder auf dem Programm. Werde ich es heute schaffen, den Pass mit dem Velo zu überqueren, oder muss ich wie letzte Woche auf die öffentlichen Verkehrsmittel zurückgreifen? Nun, nach den gesammelten Kilometern in den letzten Tagen und dem gestrigen Ruhetag war ich guten Mutes, dass mein Velo heute die Herausforderung bestehen wird!
Ich bereitete mich am Frühstücksbuffet entsprechend vor, indem ich viel Energie aufnahm: Orangensaft, Heisse Schokolade, Müesli mit Joghurt, Zopf mit Butter und Konfitüre, Zopf mit Butter, Käse und Fleisch, Rührei. So hatte ich erst nach 14.00 Uhr wieder Hunger…
Die ersten Kilometer bis Arbedo waren wohlbekannt, bis nach Biasca ist es ziemlich flach – auch wenn der Radweg zwischendurch über grobes Kopfsteinpflaster oder einen ausgewaschenen / morastigen Waldpfad führt, konnte ich etwas Kraft sparen.
Kurz nach Biasca begann die Steigung, da der Radweg auf einer Nebenstrasse von Dorf zu Dorf führt – immerhin musste man nicht nach jedem Dorf wieder zur Hauptstrasse in der Talsohle zurück, sondern man konnte die Höhe halten. Da begann ich ein Schätzspiel, das ich bis zur Passhöhe durchzog: Wie lautet die Höhenangabe auf dem Wanderwegweiser, dem ich da entgegenradle. Meine Schätzungen waren meist ziemlich nah dran und ich wurde nur einmal negativ überrascht, als eine 50 Meter geringere Höhe angezeigt wurde als erwartet. Dafür war ich im oberen Teil einmal positiv überrascht, als 80 Meter mehr angezeigt wurden.
Vor Olivone – das vom Radweg umfahren wird – bog die Strecke auf einen steileren Abschnitt ab und ich schraubte mich in die Höhe, wobei das Fahrrad gleich zweimal nach einer Pause verlangte. Aufgrund der Anstrengungen gab ich nach und legte mich kurz hin…
Als der Radweg oberhalb von Olivone in die Hauptstrasse einbog, ging es nicht mehr ganz so steil weiter, so dass ich manchmal im zweiten oder sogar dritten Gang pedalen konnte – es waren aber immer noch viele Höhenmeter, die sich vor mir auftürmten.
Als ich die Mittagspause einlegte, konsultierte ich auf dem Campingstuhl noch die Karte und sah, dass der Radweg bald wieder für ein kurzes Stück von der Hauptstrasse abbiegen wird und eine Abkürzung nimmt. Ich sagte „Nein danke“ und blieb auf der Hauptstrasse, denn eine kürzere Strecke bedeutet nur, dass diese umso steiler ist. Und da kein dichter Verkehr herrschte, war das auch kein Problem. Das gab es nur einmal bei einem Baustellenlichtsignal, wo ich unmöglich in der Grünphase durchkommen konnte. Als der Verkehr entgegenkam, wurde zum Glück gerade dort die Strasse etwas breiter und die Autos konnten vorbeifahren, nachdem ich das Fahrrad an die Bauabschrankung gelehnt hatte.
Die verbleibenden Höhenmeter schwanden, und dann sah ich endlich auch die Tafel auf der Passhöhe, angeschrieben mit 1’920 m ü. M. Doch die Steigung war nicht zu Ende, es ging nun in einen langen Tunnel hinein – und dieser war gefüllt mit Feinstaub. Dämpfen und Lärm. So kroch ich weiter bergauf, bis ich im Tunnel drin den Scheitelpunkt erreicht hatte. Nun konnte ich wenigstens hinunterrollen – bis ich durch den Staub Bremslichter vor mir sah. Nun war auch klar, woher Feinstaub, Dämpfe und Lärm kamen: Auf der anderen Seite wurden die ersten Paar Hundert Meter neu asphaltiert.
Nach dieser Passage waren Luft und Aussicht wieder deutlich besser, und ich konnte es bis Disentis meistens rollen lassen – nur ein paar eklige Flachstücke erforderten noch Druck auf den Pedalen. Zum Schluss ging es noch durch eine Serie von steilen Tunnels, und schon kam der Abzweiger zum Campingplatz kurz vor Disentis.
Über 1’800 Höhenmeter kamen heute schlussendlich zusammen. Nun werde ich mich für die morgige Etappe wieder stärken und vorbereiten.
