Nach dem gestrigen Traumtag bin ich heute wieder in der Realität angekommen: Den ganzen Tag Wolken, zwischendurch auch einmal Regen, viel Wind (natürlich Gegenwind) und müde Beine, da ich gestern Abend wohl zu viel geredet und Zuwenig gegessen habe. Immerhin war es warm genug, dass ich das Thermo-Unterhemd heute nie anziehen musste!
Der SuperValu in Clifden öffnete um 08.00 Uhr, ich war ca. 15 Minuten später dort. Leider scheinen sie keine Salate im Sortiment zu haben – oder sie hatten diese noch nicht eingeräumt. So ging ich mit zwei grossen Sandwiches auf die heutige Etappe – wird wohl reichen!
Nach der Abfahrt in den Ort zum SuperValu war es flach und wieder eine komplett andere Landschaft: eine Grassteppe mit Felsen, durch die ein Asphaltband führt. Die Strasse teilte ich mit mehr Schafen als Autofahrern… Gemein war natürlich der Wind: Seit Inverness im Norden Schottlands fuhr ich die letzten zwei Wochen tendenziell südwestwärts, und der Wind kam aus Südwesten. Heute fuhr ich mehrheitlich ostwärts, und der Wind kam aus Osten – und das wieder deutlich spürbar, während es gestern praktisch windstill war (gestern fuhr ich im Zickzack, Rücken- und Gegenwind hätten sich also abgewechselt…). Nach etwas mehr als 16 Kilometern gab es immerhin etwas zu feiern: die 4’000 Kilometer-Marke wurde erradelt!
Den ganzen Tag hatte ich heute eine Melodie im Kopf, also ein echter Ohrwurm! Den Song hörte ich gestern Abend erstmals am Radio auf meinem MP3-Player, und heute Morgen beim Aufwachen lief er schon wieder. Dabei handelt es sich um „The Sun Will Never Settle“ von Kingfishr.
Nach einem kurzen Abschnitt auf einer breiteren Strasse bog der Radweg wieder in ein schmales Strässchen ein – wobei es da noch so rote Schilder gab, dass das Strässchen gesperrt sei. Ich fuhr trotzdem darauf weiter und sah, wie nördlich von mir die Berge nun nicht mehr nur in den Wolken verschwinden, sondern dass es dort auch regnet. Ob die Südtirolerin, mit der ich mich gestern Abend über Reisen unterhielt, heute auf einen dieser Berge wandert oder auf einen weiter östlich, wo die Berge wolkenfrei sind? Jedenfalls dauerte es nicht lange, und bei mir kam die Wolkendecke immer weiter runter – bis ich keine andere Wahl mehr hatte als den Regenschutz anzuziehen. Als ich diesen angezogen hatte, regnete es noch mehr – also auch die Regenhose anziehen. Und als ich diese angezogen hatte, regnete es noch mehr, also auch noch die Fusslinge anziehen! Mein Wetterbericht hatte heute gar keinen Regen vorgesehen!?!
So fuhr ich in Regen-Vollmontur weiter, und die zwei Transporter, die während meines Umkleidevorgangs vorbeifuhren, kamen wieder zurück, dahinter ein Traktor mit einem Bagger. Hmmm, ist die Strasse tatsächlich komplett gesperrt und ich muss auch umkehren, oder komme ich durch? Da müsste ich nun aber etliche Kilometer wieder zurückfahren… Nun, ich kam durch – es war ein weniger als fünf Meter langes Brückchen, das gesperrt war: Mein Gewicht konnte es aber noch tragen! Immerhin hörte der Regen nach dieser kurzen Schiebepassage bald wieder auf und es wurde rasch wärmer, so dass ich mich bereit machte, die Regensachen wieder auszuziehen – und da sah ich zwei Tourenräder am Strassenrand. Es handelt sich um ein belgisches Pärchen aus Gent, das in Gegenrichtung unterwegs ist. Sie haben schon längere Radtouren im Balkan und in Marokko sowie kleinere Touren in fast ganz Europa erlebt.
Schon vor der Mittagspause begann ich zu spüren, dass die Kräfte schwinden und ich nicht ganz so viel Druck auf die Pedale bringe wie in den vergangenen Tagen. Eben, gestern Abend vermutlich zu wenig gegessen. Daher kürzte ich die heute Etappe ab und nahm nach Costelloe nicht die Radweg-Schlaufe nach Galway, sondern folgte dem Wild Atlantic Way der Küstenlinie. Da hatte ich zwar sicherlich mehr Verkehr, ersparte mir aber 20 Kilometer und mindestens 400 Höhenmeter. So traf ich kurz nach 16 Uhr auf dem Campingplatz ein, nachdem ich gefühlt den halben Tesco leergekauft und auf mein Fahrrad geladen hatte – heute werden die Energiereserven wieder gefüllt!
