Diese Nacht blieb die Apsis druchgehend offen, ich konnte das Zelt trocken einpacken. Dabei rollte ich bereits um exakt 07.00 Uhr vom Campingplatz. Hinein ins Tal der Isère folgte ich den kaum befahrenen Strassen – der Vekehr nutzte hautpsächlich die N90 und nicht die D990 oder D66. Letztere führte mich an den Fuss des Col de la Madeleine, wo ich auch schon mal herunterkam.
Wenig später begann ein Radweg bis Moûtiers, dieser wurde entweder neu angelegt oder erst kürzlich frisch geteert. Auch nach Moûtiers gab es immer wieder Radwegschilder, wobei es manchmal mangels Alternativen auch Radstreifen auf der N90 gab. Bereits in der ersten Ortschaft nach Moûtiers führte der Radweg von der N90 wieder weg, und ich musste mir meinen Weg selbst weitersuchen. Auf meiner geplanten Route stand ich am Fusse einer starken Steigung – muss ich da wirklich hoch, oder gibt es eine Alternative? Auf MAPS.ME sah ich eine Alternative durch das Dorf hindurch – und da stand plötzlich ein Schild „Route barré à 500m“. Da kamen mir gleich ein Lastwagen und zwei Lieferwagen einer Baufirma entgegen – perfekt, Znünipause! So wagte ich die Weiterfahrt, auf der Baustelle war tatsächlich niemand. Und was bauen sie da? Auf einer Länge von 20m werden die Strassenseiten abgerandet. Da konnte ich in der Mitte der Strasse (auf einer Breite von mindesten 3 Metern) problemlos durchfahren…
Weiter ging es leicht bergauf auf der N90, und bei der nächsten Ausfahrt wieder auf einen Radweg. Dieser führte bald durch den 1.6 km langen Tunnel du Siaix, der vor ein paar Jahren für Velofahrer und als Servicetunnel für den bereits bestehenden Autotunnel angelegt worden war. Nach dem Tunnel ging es in Haarnadelkurven etliche Höhenmeter hinunter zur Isère, um den wenig später wieder einen vertikalen Abstand zum Fluss zu gewinnen.
Kurz nach Aime begann wieder ein Radweg, der auf einem separaten Trassee der Isère entlang bis Bourg-Saint-Maurice und weiter in den Nachbarort Seez führte. Mehr Verkehr als auf dem Radweg gab es im Fluss, da sich dort etliche Wildwasser-Freaks auf ihren Schlauchbooten vergnügten.
Kurz nach 11.30 Uhr war ich bereits in Bourg-Saint-Maurice, und ich fühlte mich trotz der bereits über 60 zurückgelegten Kilometer noch gut. Daher wagte ich die Weiterfahrt über den Col du Petit-Saint-Bernard. In Seez sah ich dann zwar, dass es bis zur Passhöhe noch 29 km sind, aber ich habe ja den ganzen Nachmittag Zeit. Und wenn ich mich richtig an 1997 erinnere, sind die letzten Kilometer bis zur Passhöhe fast flach.
Nun, alle Kilometer befand sich ein Stein mit der aktuellen Höhe, der verbleibenden Distanz und der durchschnittlichen Steigung auf dem nächsten Kilometer. Fast durchgehend war diese bei 5 %, ein paarmal 4 % und ein einziges Mal 6 %. So schraubte ich mich hoch, meistens im 2. oder 3. Gang, schwitzte vor mich hin und machte alle paar Kilometer eine Pause zur Erholung und zum Essen. Glücklicherweise habe ich gleich am Fuss des Passes noch alle Wasserflaschen aufgefüllt, so dass ich mich immer mit Flüssigkeit versorgen konnte.
Nach einem grossen Kampf erreichte ich La Rosière auf einer Höhe von 1’850m, 8.5 Kilometer vor dem Gipfel. Dort gibt es Hotels, kurz vorher war ich auch an einem Campingplatz vorbeigefahren. Obwohl ich mit meinen Kräften ziemlich am Ende war, wollte ich aber heute noch über den Pass – schliesslich regnet es morgen den ganzen Tag und ich will nicht hier oben festsitzen. Nach einer letzten Essenspause – in La Rosière gibt es auch einen Carrefour – wagte ich also den Gipfelsturm. Dabei verdunkelte sich bereits der Himmel und ich konnte ahnen, dass es weiter unten im Tal wohl bereits regnet. Immerhin hätte ich noch die Option, nach La Rosière zurückzurollen, wenn mich der Regen zu früh erwischt…
Als 21-jähriger mit dem Rennvelo lässt sich ein Alpenpass ganz sicher besser erklimmen als 48-jährig mit dem schwer beladenen Tourenbike. Jedenfalls wurde es nicht flacher, es ging weiterhin mit 4-5 % hoch bis auf 2’188m. Ich musste auf diesem Teilstück nur noch einmal eine Verschnaufpause einlegen, knapp 3km vor dem Gipfel. Einen Kilometer vor dem Gipfel erwischten mich dann die ersten Regentropfen – aber auch wenn es Katzen hageln würde: da muss ich jetzt einfach drüber! Es nieselte nur ganz leicht, aber kurz nach 18.00 Uhr endlich oben angekommen, gab es nur einen kurzen Stopp für Gipfelfoto sowie warme Sachen und Pellerine anziehen. Dann auf der italienischen Seite in die Abfahrt, zuerst noch auf nasser Strasse, dann wieder im Trockenen. So rollte ich La Thuile im Aostatal entgegen, wo dann der Regen wieder einsetzte. Ich hielt im Dorf an, konsultierte in MAPS.ME kurz die Hoteloptionen und rollte zum gegenüberliegenden 4 Sterne-Hotel. Dort war auch die Gruppe österreichischer Töfffahrer, die mich in der Abfahrt überholt hatte. Auch für mich war noch ein Zimmer für zwei Nächte frei, so dass ich morgen einen Ruhetag einlegen kann – und es dann am Samstag hoffentlich bei Sonnenschein wieder weitergeht.
Über 2’100 Höhenmeter habe ich heute zurückgelegt – vielleicht schaffe ich es dann doch über das Stilfserjoch…


















