Der gestern Abend mit Google Maps ausgeheckte Plan, wie ich San Luis verlassen will, hat heute einwandfrei funktioniert. Ohne mich zu verfahren oder auf einer Autobahn zu landen, fand ich den Weg nach Juana Koslay und von dort aus den Weg nach La Florida. Da zahlt sich das jahrelange Training als Schauspieler aus, wo Texte auch auswendig zu lernen sind…
Die Durchfahrt von Juana Koslay hat mir auch sehr gut gefallen, obwohl die Strasse ständig bergauf ging. Ist ja klar, schliesslich fahre ich in die Berge hinein… Die Strasse war vierspurig, und der breite Mittelstreifen war bewaldet. Auch neben der Strassenbegrenzung waren viele Bäume gepflanzt, sowohl Nadelbäume wie auch viele verschiedene Laubbäume. Und man sieht, dass diese „Villa verde“ nicht erst vor ein paar wenigen Jahren auf die grüne Welle aufgesprungen ist, sondern ihr Konzept seit Jahrzehnten vorantreibt.
Später ging es dann für mehrere Kilometer an einer grossen Farm vorbei, welche konsequenterweise „Estancia Grande“ hiess und sogar über ein eigenes Polo-Stadion verfügte. Habe ich zuvor eigentlich schon jemals Mais-Felder in Argentinien gesehen? Nun, hier hat es welche.
Dann kam ich nach Trapiche, und ich befürchtete schon, die Abzweigung nach La Florida verpasst zu haben. Aber nein, da kam sie dann doch noch. So umrundete ich den Stausee von La Florida – und das war ein weiterer Höhepunkt dieser Tour! In kurviger Strasse (links und rechts wie oben und unten!), immer wieder mit Blick auf den See, mit verschiedenen Bäumen und diversen Rastplätzen, begleitet von einem Wanderweg, kam ich zur Staumauer von La Florida. Und die war weiss getünkt und hatte sogar Laternen! Manch einer würde vielleicht sagen, das sei kitschig – aber mir hat es gefallen!
Die zweite Hälfte der Umrundung war auch sehr eindrücklich, die zu erklimmenden Wellen wurden aber auch höher. Dafür war dann dahinter immer wieder eine Abfahrt, die ich geniessen konnte. Zurück in Trapiche bog ich dann rechts ab, weiter in die Sierra de San Luis hinein. Auf einem Schild las ich dann: Carolina 38 km. Hey, es ist erst halb zwei, ich habe zwar schon 60 Kilometer mit vielen Höhenmetern in den Beinen – aber das könnte reichen!
Nun, die nächsten 20 Kilometer waren aber ziemlich herausfordernd. Es ging ständig bergauf, unterbrochen durch ein paar flache oder sogar sinkende Abschnitte. Jedes Mal, wenn ich dachte, dass dies nun der letzte Anstieg sein müsse, zeigte sich oben auf dem Gipfel bereits die nächste Hürde. So kletterte ich immer höher, die Vegetation wurde immer karger, der Fels immer dominanter. Zu den bezwungenen Alpenpässen letztes Jahr steht diese Steigung in nichts nach, es gibt aber einen wesentlichen Unterschied: In Frankreich wusste ich jeweils, wie viele Kilometer es steigen wird und wieviele Höhenmeter zu überwinden sind…
Hier machte ich mir mit der Zeit mehr Sorgen um einen geeigneten Zeltplatz, denn wie soll ich hier mein Zelt im Fels verankern – falls sich überhaupt mal ein Platz bietet, da der Seitenstreifen gerade mal 1 Meter breit ist? Als ich schon nicht mehr daran glaubte, überquerte ich nach genau 80 Kilometern (20 Kilometer innert 3 Stunden…) den Hauptkamm, und fuhr hinab ins Valle Pancanta.
Juhui, nun reicht es doch noch bis Carolina, was sensationell wäre! Aber das Abenteuer war noch nicht zu Ende… Zuerst veränderte sich schlagartig die Beleuchtung, und ich sah vor mir eine weisse Regenwand, während über und hinter mir noch die Sonne schien. Zudem gab es zunehmend wieder Gegensteigungen, welche immer höher und länger wurden. Immerhin „jagte“ ich das Gewitter eine zeitlang vor mich her, da ich auf nasser Strasse vorankam, sonst aber trocken blieb. Erst beim letzten Anstieg kam ich dann in leichten Regen hinein, welcher mich dann auf den letzten knapp 2 Kilometer begleitete. Dennoch machte ich noch einen Stopp beim Mirador von Carolina, bevor ich ins Dorf hineinrollte – und mal einen Riesenschreck bekam: Das Dorf liegt auf einer Höhe von 1’650 Meter! Die Passhöhe muss also auf mindestens 1’900 Meter gewesen sein!
Mit der „La Posta del Caminante“ fand ich eine perfekte Unterkunft. Das Fahrrad konnte ich im Gebäude nebenan einstellen, wo auch ein Laden mit regionalen Produkten eingerichtet ist. Und wer betreibt diesen Laden? Jennifer aus Genf mit ihrem Mann! Nach einigen in französisch ausgetauschten Worten genoss ich die heisse Dusche. Nun freue ich mich auf das von Norma zubereitete Nachtessen!
