Kurz nach 7.00 Uhr fuhr ich los, auf direktem Weg zurรผck zum Radweg Sentiero Valtellina und weiter talaufwรคrts. Bis Tirano gab es zwar auch den einen oder anderen Hรถhenmeter zu erklimmen, doch die richtigen Steigungen erfolgten erst danach. Da waren auch zweistellige Prozentzahlen dabei! Aber auch wenn es flach aussah, ging es eigentlich immer den Berg hoch.
Ich hatte das Gefรผhl, ich komme รผberhaupt nicht voran und gurkte in den kleinsten Gรคngen rum. Das hatte aber auch seinen Grund, denn andere (ohne Gepรคck), die mich รผberholten, mรผhten sich auch ab, wรคhrend entgegenkommende Radfahrer ohne zu Treten in hohem Tempo vorbeiflitzten. Nun ja, รผbernachtet hatte ich auf einer Hรถhe von ca. 300 m, Bormio liegt auf 1’200 Meter. Irgendwann muss es ja raufgehen…
Ob ich gestern die original geplante Etappe geschafft hรคtte, wenn ich vorgestern nicht bereits in Lecco angehalten hรคtte? Ich zweifle daran, denn die 45 Kilometer bis zum vorgesehenen Campingplatz verlangten mir so ziemlich alles ab. Und der Durst war dabei mein stรคndiger Begleiter: Bereits in der ersten Stunde hatte ich die erste 1.5 Liter-Flasche geleert… Zum Glรผck gab es weiterhin viele Rastplรคtze, so dass ich problemlos Orte zum Ausruhen und Essen fand – oder einfach, um den Kopf zum Kรผhlen unter das laufende Wasser eines Brunnens zu halten!
Auch 12 Kilometer vor Bormio legte ich nochmals eine Apfel-Esspause ein (mit geschlossenen Augen auf dem Rรผcken auf einer Bank liegend), denn ich sah vor mir die nรคchste Steigung auf mich zukommen – sonst kรถnnte es diese Serie von Wasserfรคllen nicht geben… Bei der Radweggestaltung hat man sich aber tatsรคchlich etwas รผberlegt (was ich an anderen Orten oft vermisse – da geht es nur darum, die Velos von der Strasse wegzuhaben). Wรคhrend die Hauptstrasse mit 10 % schnurgerade den Berg hochgeht, wurden in der zweiten Hรคlfte des Radwegs Serpentinen eingebaut. So wurde die Steigung etwas moderater.
Bei Kilometer 11 vor Bormio war auch diese Steigung bewรคltigt – und nun ging es praktisch eben durch das Tal bis nach Bormio. Dort studierte ich am Ortseingang die Informationstafel und versuchte, schnurstraks die Touristeninfo zu erreichen. So stand ich um 13.45 Uhr vor dem Bรผro – das von 13.00 bis 14.30 Uhr geschlossen ist… Aber dort gibt es vor der Tรผr Gratis-WLAN, so dass ich doch Nachforschungen betreiben konnte. Aufgrund des krรคftezehrenden Aufstiegs fรผhlte ich mich nicht imstande, das Stilfserjoch hochzuladen – weder heute noch morgen. Sicher ist das mental bedingt – und ich schiebe das auf das nicht (oder kaum) laden wollende Handy, so dass mir die notwendige Substanz fehlt.
Und siehe da: Um 14.20 Uhr fahre ein Bus auf das Stilfserjoch! Der Busbahnhof ist wenig entfernt, ich rolle da hin, und ich kann tatsรคchlich mein Fahrrad verladen und motorgetrieben auf das Stilfserjoch gelangen. Diese Erleichterung kostete mich gerade einmal EUR 14 (6 fรผr mich, 6 fรผr das Fahrrad und 2 fรผr das Gepรคck)! Beim Warten konnte ich noch die Fahrplรคne studieren – und das Timing hรคtte fast nicht besser sein kรถnnen: Die Fahrt auf das Stilfserjoch gibt es nur zweimal tรคglich, einmal um 09.00 Uhr und einmal um 14.20 Uhr… So genoss ich die Fahrt und war bereits kurz nach 15.00 Uhr auf der Passhรถhe. Dabei war ich froh, mich fรผr den Bus entschieden zu haben, denn es gab auch viele enge Galerien, wo ich definitiv ein Hindernis gewesen wรคre…
Geistesgegenwรคrtig hatte ich รผber 1’500 Hรถhenmeter tiefer noch die Jacke aus meinem Gepรคck gezogen, so dass diese beim Aussteigen aus dem Bus bereits anhatte. Es war aber anstรคndig warm und windstill, so dass ich auch ohne Jacke nicht gleich erfroren wรคre. Fรผr die Abfahrt behielt ich sie aber gleich an – und dann begann es auch noch zu nieseln. Ich kam aber problemlos die vielen Kehren hinunter und hielt unterwegs einmal an, damit meine Felgen wieder etwas abkรผhlen konnten. Auf diese Idee kam ich, nachdem mich ein Autofahrer รผberholt hatte und ich seine Bremsen deutlich riechen konnte…
Etwas leid taten mir die entgegenkommenden Radfahrer die meinten, ich sei mit meinem vollbepackten Rad hochgefahren. Nun, immerhin hatte ich bis Bormio auch รผber 1’000 Hรถhenmeter bewรคltigt – und vor รผber zwei Jahrzehnten fuhr ich ja tatsรคchlich auch mit beladenem Velo das Stilfserjoch hoch, nachdem ich am Morgen noch den Ofenpass รผberquert und das Val Mรผstair durchfahren hatte. Und am nรคchsten Tag wieder aus dem Val Mรผstair den Umbrail hoch, hinunter nach Bormio und รผber ein paar weitere Pรคsse an diesem Tag bis nach Pontresina. Wahnsinn, was damals noch mรถglich war!
Heute fuhr ich noch nach Prad hinunter, kaufte dort ein, vergass, die GPS-Aufzeichnung fortzusetzen und fuhr bis zum Campingplatz von Glurns. Erstmals auf dieser Tour bin ich in einer Gegend unterwegs, wo man Deutsch reden kann…
Nach einer grossen Portion Teigwaren sollte dies die letzte Nacht in Italien sein, morgen will ich in รsterreich รผbernachten.


















