„Heute war ich den ganzen Tag damit beschäftigt, nichts zu tun.“ Diesen Spruch habe ich kürzlich gelesen – und gestern umgesetzt. Bei diesem Regenwetter verliess ich nur zweimal kurz das Zimmer: Am Morgen zum Frühstücken und am Abend zum Einkaufen. Der Sohn der Vermieterin versuchte am Sonntagabend bis 21.00 Uhr, das WLAN hinzukriegen, ist aber gescheitert. Damit ich trotzdem blieb, erhielt ich EUR 50 zurück. somit kosteten mich die beiden Nächte noch je EUR 16.50, und da konnte ich einfach nicht nein sagen. Ich surfte so immer wieder auf dem instabilen WLAN-Netz, das in der Nähe ohne Passwort betrieben wird…
Heute war es wieder sonnig und warm, nass wurde ich nur vom Schwitzen. Und aufgrund der vielen Höhenmeter floss viel Schweiss… Schon auf den ersten Kilometern verpasste ich einmal eine Abzweigung, weshalb ich später wieder dorthin zurückrollte. Ich hätte vor dem Umkehren wieder einmal weiter hinauszoomen sollen, denn die beiden Routen treffen sich später wieder – und die von outdooractive favorisierte Route war zu steil, um durchgehend befahren werden zu können. Da hatte es einen längeren Abschnitt mit über 20 % Steilheit drin, was ich nur schiebend mit Müh und Not bewältigen konnte. Offenbar kennen die hier weder Schnee noch Eisglätte, denn bei solchen Witterungsbedingungen wäre diese Strasse eine Todesfalle!
Als ich zuoberst in Torchiara ankam, fragte ich mich schon, ob ich überhaupt mein erstes Etappenziel in Ascea werde erreichen können – dorthin sind es etwa 55 Kilometer und nach 1.5 Stunden hatte ich nicht einmal deren 10 bewältigt… Ein Blick auf die Höhenmeter beruhigte mich aber, denn davon waren dafür schon über 400 überwunden, und somit schon fast die Hälfte bis Ascea.
Die Ausblicke in dieser Höhe waren fantastisch, die Kletterei hat sich definitiv gelohnt! Auf der einen Seite konnte ich zurückblicken und Agropoli unten am Meer sehen, auf der anderen Seite präsentierte sich eine spektakuläre Gebirgslandschaft.
Nachdem ich mit Rutino das nächste Dorf erreicht hatte, ging es wieder in die Abfahrt zurück zum Meer. Bei der Verzweigung machte ich es diesmal besser, konsultierte den Verlauf beider Strassen und entschied mich gegen die Route von outdooractive. Die andere Strasse war etwas länger, und so konnte ich gemütlich hinunterrollen und musste sicher nicht so viel bremsen, wie das bei der anderen Strasse der Fall gewesen wäre!
Kurz vor Marina di Ascea traft ich wieder auf die EuroVelo 7 – wenn ich dieser ab Agropoli gefolgt wäre, hätte ich noch einige Höhenmeter mehr erklimmen müssen. Auch bei der Fahrt hinauf nach Ascea nahm ich nicht die EuroVelo 7, sondern die deutlich weniger steile Hauptstrasse. Bei diesem Aufstieg legte ich meine Mittagspause mit einer herrlichen Aussicht über die Küste und Marina di Ascea ein. Nach dem Essen buchte ich zudem die Unterkunft für heute Nacht – und ich konnte dabei das „streched target“ in Palinuro ins Auge fassen. Dorthin waren es „nur“ noch 22 Kilometer, aber immer noch etliche Höhenmeter.
Und auch diese Höhenmeter waren nicht alle fahrbar – und Fahrverbotstafeln waren auch noch zu ignorieren… Immerhin gab es bei diesen Tafeln auch Ausnahmen, insbesondere für Blaulichtorganisationen. Das gab mir aber immerhin ein gutes Gefühl, dass die Strasse durchgehend ist und nicht irgendwo eine Brücke eingestürzt ist!
Den Grund für das Fahrverbot konnte ich schon ein paar Kilometer zuvor erahnen, als ich auf der gegenüberliegenden Seite einer Schlucht ein extrem steiles Strassenstück sah – und das sich vor mir tatsächlich materialisierte. Der steilste, zum Glück nur ein paar Dutzend Meter lange Abschnitt hatte eine Neigung von mindestens 30 %, und die Strasse war eng, uneben und von Furchen durchzogen. So musste ich es nicht einmal im Zickzack probieren, da hätte ich keine Chance! Ich fühlte mich an die zweite Steigung in Englands Lake District erinnert, und kämpfte mich Schritt um Schritt den Berg hinauf. Und der kleine, mit etwas Holz beladene Lieferwagen kam zum Glück erst, als es wieder etwas breiter und flacher wurde – sonst wäre er nicht an mir vorbeigekommen (und hätte er mich überfahren, wäre er wegen dem Fahrrad und Gepäck unter seinen Rädern trotzdem nicht hochgekommen)!
Interessant fand ich, dass in Ascea Wegweiser für Palinuro stehen, und auf der anderen Seite des Fahrverbots ist in Gegenrichtung Ascea angegeben… Wie viele Automobilisten das Fahrverbot wohl ignorieren, weil sie zuvor den Wegweisern gefolgt sind?
Nachdem ich Pisciotta hinter mir gelassen hatte, ging es in Haarnadelkurven hinunter ans Meer, und der verbleibende Abschnitt bis Palinuro war schon fast flach. Kurz vor Palinuro sah ich noch einen schönen Strandabschnitt, und legte dort noch eine einstündige Pause ein – sonst wäre ich schon weit vor 15.00 Uhr beim Hotel gewesen, und offizieller Checkin ist erst ab 16.00 Uhr.
Nach einem Sonnenbad im Campingstuhl – mit dem Sandstrand zwischen mir und dem Meer – fuhr ich um 15.30 Uhr wieder los, denn die Sonne wanderte rasch in Richtung Horizont. Beim Hotel war ich kurz vor 16.00 Uhr und ich erhielt ein Zimmer, bei dem ich das beladene Fahrrad hineinrollen konnte. Nach dem Duschen ging ich noch rasch Einkaufen, und da begann es schon einzudunkeln. Die Tage werden definitiv kürzer!
