Als heute Morgen in der Schweiz andere den Fernseher einschalteten, begann ich mit dem Frรผhstรผck im Zelt – Das Resultat des Fussballspiels habe ich spรคter im Teletext angeschaut. Da war ich bereits einige Kilometer von Watten weg, und nun tatsรคchlich eben und bis kurz nach 7 Uhr auch windstill einem Kanal entlang. Auf den letzten wenigen Kilometern bis zum Leuchtturm von Gravelines musste ich etwas seitlichen Gegenwind durchstehen, der sich aber danach – dank einer 90 Grad-Drehung der Route – zu einer schรถnen Unterstรผtzung bis Calais verwandelte!
Dort traf ich viel frรผher ein als erwartet, was ja auch nicht schlecht ist. Zuerst ging ich in den Carrefour, um noch ein paar letzte Lebensmittel auf dem Kontinent einzukaufen, anschliessend zum Decathlon. Dieser รถffnet um 09.30 Uhr, und bereits um diese Uhrzeit war ich dort. Ich zeigte einem Mitarbeiter ein Bild des Campingstuhls, den ich mir gestern angesehen hatte – und keine 5 Meter weiter waren alle Campingstรผhle – inklusive meinem Favorit – ausgestellt. Ein kurzes Probesitzen, EUR 55 bezahlt, und durch die Stadt gefahren – am Wegweiser zum Hafen bin ich beim Hinfahren vorbeigefahren.
„Meine“ Fรคhre hatte ich fรผr 12.50 Uhr gebucht, mindestens eine Stunde vorher sollte man dort sein. Ich war um 10.15 Uhr beim ersten Gebรคude am Ende des Radweges angelangt. Dieses war nur fรผr Fusspassagiere, aber immerhin gab es einen Situationsplan, wie es fรผr Velofahrer weitergeht. Ein paar Meter zurรผckfahren, die Strasse kreuzen und dann zum Ticketschalter von DFDS. Die Dame hat meine Buchungsnummer eingegeben und den Pass eingesehen – und mir dann ein Ticket fรผr die Fรคhre um 11.20 Uhr offeriert. Das habe ich natรผrlich gerne gewonnen, habe ich so doch 90 Minuten „gewonnen“. Also ein paar Meter weiter und bei einer Autokolonne hinten anstehen, bis ich dem franzรถsischen Grenzwรคchter meinen Pass zeigen konnte. Danach ging es nach einer kurzen Gerade um eine 180 Grad-Kurve und wieder etwa auf die gleiche Hรถhe zum britischen Zoll. Dieser war mit meinen Reiseplรคnen einverstanden, und ich durfte auch diese Zollstation passieren. Nun zur Spur 1205, wo ich alleine war – die Autos und Lastwagen hatten andere Spuren und waren bereits am Verladen. Die Angestellte erklรคrte mir, dass ich nach den Autos als Letzter auf die Fรคhre gehen werde. So konnte ich dem Verladespektakel zusehen, denn dreimal wollten Autofahrer nicht ihre Luke 2 nehmen, sondern den Lastwagen in Luke 1 folgen. Das gab dann jeweils ein bisschen Aufregung beim Personalโฆ
Als die Autoschlangen abgearbeitet waren und ich auf die Fรคhre durfte, standen schon zwei andere Tourenrรคder dort. Ich stellte meines hinzu, band das Velo mit den Seilen an und fuhr mit Lenkertasche und Essentasche mit dem Lift von Deck 5 auf Deck 8. Dort gab es gleich neben dem Lift eine grosse Lounge, wo nur 3 weitere Personen waren. Die Meisten hatten bei diesem schรถnen Wetter offenbar einen Platz draussen gesucht – aber ich bin ja nun praktisch die ganze Zeit draussen, und, noch viel wichtiger, wollte ich die Orientierung nicht verlieren und wieder am richtigen Ort in den Bauch der Fรคhre hinuntersteigen.
Die รberfahrt nutzte ich gleich fรผr mein Mittagessen (Reste des Kartoffelsalats von Tournai mit Resten des Brotes von Luxemburg) und legte mich auf dem Sofa hin fรผr einen Mittagsschlaf – so wie es die anderen auf ihren jeweiligen Sofas auch taten. Als ich wieder aufwachte, sassen ein paar Leute mehr in der Lounge, diese mussten nun mit Sesseln Vorlieb nehmenโฆ
Plรถtzlich tauchten die englischen Kreidefelsen vor dem Panoramafenster auf, und schon war die 100-minรผtige รberfahrt nach Dover zu Ende. Also wegen dem Wechsel der Zeitzone dauerte dies ja eigentlich nur 40 Minutenโฆ Wieder zurรผck beim Velo zeigte sich, dass die anderen beiden Velos von einem britischen Paar gefahren werden, das eine grosse Tour durch Skandinavien unternommen hatte und nun auf den letzten Meilen zurรผck nach Hause ist. Fรผr die Ausfahrt aus dem Fรคhrhafen konnte ich sie aber gleich als Guides nutzen, und wir waren auf dem schnellsten Weg draussen (am Boden gab es durchgehend eine Markierung fรผr Velofahrer).
Danach trennten sich unsere Wege, und ich nahm die Fรคhrte meiner Route auf. Vom Zentrum in Dover, wo ich hinauf auf das Schloss blicken konnte, ging es in einer 13 %-Steigung zu diesem Schloss hinauf – das sorgte fรผr einige Schweissperlen! Leider hatte dies auch Auswirkungen auf mein Handy, denn ein Schweisstropfen aktivierte den Feuchtigkeitssensor und das Handy liess sich bis am Abend nicht mehr laden! Zum Glรผck brauchte ich Organic Maps nur selten zum Navigieren, da der Radweg meist sehr gut ausgeschildert war.
Landschaftlich sind die Radwege in England schon eine ganz andere Sache als auf dem Kontinent: Auf von Hecken und Bรผschen begrenzten, engen Strรคsschen, bei dem ein Kreuzen mit einem Auto selbst fรผr mein Gefรคhrt oft nicht mรถglich ist, in einem stรคndigen Auf und Ab dem Landesinnern entgegen. Bei den Anstiegen musste ich leiden (wobei ich bereits spรผre, dass ich deutlich mehr Kraft in den Beinen habe als beim Tour-Start!), und in den Abfahrten musste ich oft bremsen, da diese verwinkelt waren und jederzeit ein Auto hรคtte entgegenkommen kรถnnen. Immerhin fiel mir heute das Linksfahren relativ einfach. Da es in den Hecken auch Dornen hat, hat mein linker Arm aber ein paar Kratzer beim Kreuzen abbekommen. Immerhin habe ich dabei nie Brennnesseln erwischt, die ich dann und wann auch am Wegesrand sah!
In Canterbury traf ich kurz nach 16 Uhr Ortszeit auf dem Campingplatz ein, der mir sehr gut organisiert erscheint. Seit April dieses Jahres bin ich im Club, der diesen Campingplatz – und zahlreiche weitere in ganz Grossbritannien – betreibt. So kann ich mindestens von Rabatten auf den รbernachtungspreisen profitieren. Ob ich morgen aber auch auf einem Campingplatz รผbernachten werde, ist eher ungewiss. Ich werde voraussichtlich den Grossraum von London erreichen, wo Campingplรคtze rar sind. Aber zuerst werde ich ja ausschlafen mรผssen, da ich die Zeitzone wechselte!


















