Das Zelt blieb letzte Nacht wieder trocken, bereits vor 7 Uhr nahm ich die Stadtdurchfahrt von Tournai in Angriff. Danach sah ich Wegweiser zu Ortschaften, die mir von meinem Lieblings-Radrennen bestens bekannt sind: Cysoing, Camphin-en-Pรฉvรจle, Roubaix. Ich fuhr aber durch keine dieser Orte, sondern steuerte auf Lille zu. Das รberqueren der belgisch-franzรถsischen Grenze bemerkte ich erst, als eine Firma „.fr“ als Homepage angeschrieben hatte – die Radwegweiser sind hier in Frankreich identisch wie jene in Belgien.
Lille und dessen Agglomeration zu durchqueren war nicht ganz einfach: Fรผr mein Tempo gibt es keine grรผne Welle. Deshalb war ich jeweils froh, wenn ich eine zweite Ampel ohne Anhalten passieren konnte. Es ging mir da aber zeitweise immer noch viel besser als den Autofahrern, die dutzende Male den Rot-Grรผn-Wechsel derselben Ampel ansehen musstenโฆ An einer Kreuzung benรถtigte ich jedoch auch deutlich mehr als 5 Minuten, bis ich auf dem Radweg alle Fahrbahnen รผberquert hatte.
Wรคhrend der Durchfahrt von Lille รคnderte sich von einer Minute auf die andere das Wetter: Nach dem Sonnenschein am frรผhen Morgen zogen Wolken auf und der Wind nahm an Stรคrke zu. Spรคter, um die Mittagszeit, war zudem noch etwas Feuchtigkeit in der Luft – aber Zuwenig, um nass zu werden. Am spรคteren Nachmittag klarte es wieder auf, so dass die Sonne wieder Schweissperlen fรถrderte.
Nachdem ich wieder lรคndliches Gebiet erreicht hatte, fuhr ich im Zickzack auf flachen Radwegen. Als ich gegen 13 Uhr eine zweite Mittagspause einlegte – die erste gab es kurz nach 11 Uhr auf einer Parkbank – musste ich mit Schrecken feststellen, dass ich ein geliebtes Ausrรผstungsteil verloren habe: Dem Campingstuhl muss ich am Morgen beim Packen wohl Zuwenig Beachtung geschenkt haben, so dass er sich vom Gepรคck lรถsen konnte und irgendwo herunterfiel! Auch wenn ich nun etwas weniger Gepรคck dabei habe, muss da dringend Ersatz her! Falls morgen Vormittag die Zeit reicht, werde ich in Calais den Decathlon aufsuchen, andernfalls in Dover bei Trespass mein Glรผck versuchen.
Als ich gestern Abend das Hรถhenprofil der heutigen Etappe studierte, musste ich einen markanten Ausschlag nach oben nach ca. 85 km feststellen. Und siehe da: Nach der Bergauf-Anfahrt von Sainte-Marie-Cappel ging es gleich weiter bergauf nach Cassel – und das teilweise auf fรผrchterlichem Kopfsteinpflaster! Vielleicht hรคtte ich mir doch eine etwas sรผdlichere Route suchen sollen, da wรคre es sicher flacher gewesenโฆ
Nach der Abfahrt fragte ich mich, ob ich tatsรคchlich noch in Frankreich bin, oder ob ich mich in die Niederlande „verirrt“ habe – auf allen Wegweisern standen Namen, die eher an die Niederlande erinnern als an Frankreich – ebenso mein Tagesziel Watten. Dieses erreichte ich kurz nach 16 Uhr. Auf eine Verlรคngerung der Etappe habe ich verzichtet. Zu den nรคchsten Campingplรคtzen wรคren es weitere 25 km gewesen, und bei diesem Wind wollte ich diese heute nicht mehr unter die Rรคder nehmen. Stattdessen habe ich – wie bereits erwรคhnt – Ersatzmรถglichkeiten fรผr den Campingstuhl evaluiert, das Fรคhrticket Calais-Dover erworben und einen Stellplatz auf dem Campingplatz von Canterbury reserviert.


















